Rundfunk-Aktion bringt Pfadfinder wieder in eigene vier Wände

Vermutlich ging alles verdammt schnell: Ein paar Steine flogen durch Fensterscheiben und bahnten Feuerwerkskörpern den Weg. Am Abend des 19. Januar 2006 ging das liebevoll „Namida“ genannte Pfadfinderheim am Nahmitzer Damm in Marienfelde durch Brandstiftung in meterhohen Flammen auf.  Die beiden Pfadfinder-Gruppen „Hag Jeanne d’Arc“ und „Jungenschaft Jonathan“ (beide aus dem Deutschen Pfadfinderbund) hatten den ehemaligen Kindergarten erst im Jahr 2002 übernommen und in mühevoller Kleinarbeit renoviert. Die Arbeit von Monaten wurde vernichtet, das gesamte Zeltmaterial zerstört.Anderthalb Jahre lang hatten die beiden Gruppen nach einer neuen Unterkunft gesucht. In dieser Zeit trafen sie sich reihum in den Wohnungen der Gruppenführer und der Mitglieder. Nachwuchs konnte man so allerdings nicht gewinnen. Als klar war, daß das Jugendamt Tempelhof den Pfadfindern einen ehemaligen Stützpunkt des Grünflächenamtes zur Verfügung stellen würde, war die Freude groß, doch die anstehenden Arbeiten schienen kaum zu bewältigen zu sein. Die 4500 Quadratmeter Grundstück waren fast vollständig mit Asphalt- und Pflastersteinen bedeckt. Das ganze Gelände stand zudem voller alter nutzloser Garagen und auch die Innenräume waren in einem desolaten Zustand. Die Garagen mußten abgerissen, der Boden entsiegelt und das Haus gründlich saniert werden. Das war auch mit 70 freiwilligen Helfern nicht zu schaffen, ganz zu schweigen von den Kosten.

Doch die Jungenschafts- und Hagführung gab nicht auf und wendete sich an die Redaktion der Sendung „96 Stunden“ des Rundfunks Berlin- Brandenburg. Diese begleitet jeweils vier Tage lang Berliner und Brandenburger Hilfsaktionen. Und das Wunder geschah: Die Pfadfinder konnten ihren Traum von einem neuen Pfadfinderheim realisieren. Kaum wurde über das Projekt im Fernsehen und im Radio berichtet, da spendete ein Baumarkt einen Gutschein über 1000 Euro, eine andere Firma überwies 10 000 Euro, ein weiteres Unternehmen spendierte eine Solarheizung – um nur einige der großzügigen Gesten zu nennen. Genauso beeindruckt wie von der finanziellen Unterstützung waren die Pfadfinder über die tatkräftige Hilfe, die ihnen von anderen Berliner Pfadfindergruppen, Bekannten und Unbekannten gleichermaßen zuteil wurde. Mitte September ging es unter Fernsehbegleitung vier Tage lang rund. Täglich brachten Nachbarn Kuchen und belegte Brote, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerkes arbeiteten in ihrem Urlaub und viele Berliner krempelten die Ärmel hoch und packen mit an. Auch die Fuhrgewerbe-Innung und Entsorgergemeinschaft Abfall unterstützen die Aktion und stellten neun Container zur Verfügung. Die BSR-Müllverbrennungsanlage Berlin-Ruhleben erklärte sich bereit, die anfallenden 10 t Teerpappe unentgeltlich zu übernehmen. Weitere Innungsbetriebe transportierten unentgeltlich den Ober- und Füllboden von den Lagerplätzen aus Berlin und Brandenburg auf das neue Vereinsgelände. Insgesamt konnten so über 200 cbm Boden bewegt werden. Nach nur drei Tagen waren die Garagen verschwunden und die Steine abgetragen. Radlader und Mobilbagger ebneten das Gelände. Die Fahrzeuge wurden vom Technischen Hilfswerk gestellt. Viel zum Schlafen kamen die Pfadfinder in diesen Tagen allerdings nicht. Nach nur 96 Stunden konnte das Pfadfinderheim in Empfang genommen werden.

Quelle: scouting 04-07