Zukunft des Bundes? Interview mit dem Weinbacher Wandervogel

Im Herbst vergangenen Jahres wurden Gerüchte laut, der Weinbacher Wandervogel habe sich „aufgelöst“. Hintergrund war das Ausscheiden einiger Personen aus dem Bund, man hörte von zwei Orden. Wider der „Erwartungen“ fand das traditionelle Wiesenfest des Weinbacher Wandervogels aber davon unbeeindruckt trotzdem statt.  Was ist denn nun Sache? Im Gespräch mit scouting: David, RjB Sprecher und Mitglied im WWV-Älterenbund sowie Andreas, Bundesführer im Weinbacher Wandervogel.

sc: In den letzten Jahren sind mehrere Wandervogelbünde von der Bildfläche verschwunden oder haben sich marginalisiert. Nun kursieren seit letztem Sommer in verschiedenen Foren Nachrichten, dass mehrere Orden aus dem WWV ausgetreten seien. Steht auch der Weinbacher Wandervogel vor dem Aus?

Die Gesamtentwicklung der letzten beiden Jahre im Feld des Wandervogels ist tatsächlich eher traurig. Auch wenn es zwischen den Bünden nicht immer harmoniert hat und wir uns mitunter auch deutlich in Stil und Ausrichtung unterschieden haben, so bedaure ich das Abtauchen einiger Bünde dennoch, denn dadurch wird sich der Schwerpunkt jugendbewegten Lebens in Deutschland noch weiter in Richtung Pfadfinderarbeit und Jugendpflege verschieben. Uns Weinbacher betrifft diese Entwicklung allerdings bisher nur wenig.

sc: Tatsächlich? Ist denn nicht auch der Weinbacher Bund deutlich kleiner geworden, immerhin sind doch laut den Meldungen mehrerer bündischer Plattformen im letzten Jahr gleich mehrere Orden ausgetreten.

Nun, ich weiß nicht, wie bündische Medien heutzutage arbeiten. Eine ordentliche Recherche sollte nach- und hinterfragen, also richtig recherchieren und nicht nur Gerüchte transportieren. Eine Diskussion die ebendiese Mängel bei Teilen der Presse, Fernsehen und Sozialer Medien aufgreift, bei der man vom Post-Faktischen spricht, läuft ja gerade auch im öffentlichen Diskurs.

Tatsächlich haben im vergangenen Jahr eine ganze Reihe Ältere unseren Bund verlassen. Es ist schade, doch die Fundamente hat es nicht erschüttert, denn das Herz unseres Bundes schlägt, wie sollte es anders sein, nicht im Älterenbund, sondern im Jungenbund.

sc: Das heißt, es sind nur Erwachsene ausgetreten?

Ja, das kann man bis auf ganz wenige Ausnahmen so sagen. Zum einem großen Teil waren es junge Männer zwischen etwa mitte zwanzig und mitte dreißig.

sc: Aber es waren doch angeblich zwei ganze Orden!

Nun, unsere Bundessätze geben schon von Anbeginn an vor, was ein Orden ist und wo Grenzen  zwischen dem Jüngeren- und dem Älterenbund verlaufen. Um tatsächlich Orden zu sein braucht es mindestens zwei wirklich aktive Jungengruppen, bei uns Horten genannt, die sich zusammentun, die beide ein reales Eigenleben führen, die eigenständig auf Fahrt gehen. Eine knappe handvoll Jungs genügen nicht. Auch eine singekräftige Schar Dreißigjähriger und noch so weit in die Ferne führende Älterenfahrten können das nicht aufwiegen.

Außerdem; unser Bund bestand nicht nur aus Orden, das Gegenteil ist der Fall: Fast alle aktiven Jungengruppen und viele Ältere gehören schon seit vielen Jahren gar keinem Orden an.

sc: Also waren es keine Orden?

Jedenfalls keine aktiven Orden im Jungenbund, denn das eben genannte traf für keine der beiden Gruppen, die gegangen sind, zu.

sc: Aber die Weinbacher nennen sich doch Lebensbund. Gibt es denn für Ältere keine Möglichkeiten sich dort zu engagieren?

Doch, die gibt es. Wir teilen uns ja in einen Jüngeren-und einen Älterenbund. Im Älterenbund können sich alle den Jugendgruppen entwachsenen zusammenfinden. Dort kann man sich auch zu Gruppen, z.B. Älterenorden zusammenschließen, ein ziemlich freies Eigenleben führen, auf Fahrt gehen etc. Eine wesentliche Aufgabe des Älterenbundes ist aber die Unterstützung und Förderung des Jungenbundes. Leider wird das mitunter dort vergessen, wo sich ein munteres Eigenleben letztlich nur noch Erwachsener entwickelt und, – und das ist wesentlich -, sich mit der Zeit die Verbindung zu Jüngeren und zur Bundesidee verliert.

sc: Und jetzt, gibt es denn noch aktive Ältere bei den Weinbachern?

Ja, natürlich. Viele Ältere sind ja, wie schon gesagt, gar nicht ordensgebunden und in den letzten beiden Jahren hat sich sogar ein recht quirliger Älternkereis ganz neu gebildet, die ihr eigenes Programm veranstalten, Singerunden ebenso wie Fahrten. Er ist sogar teilweise überbündisch aktiv, jedenfalls zählen zu den inzwischen regelmäßigen Fahrten stets auch Teilnehmer aus mehreren anderen Bünden. Pfadfinder ebenso wie andere Wandervögel. Dadurch gewähren wir interessierten Außenstehenden ja letztlich auch  Einblicke in unseren Bund, ebenso wie beim letzten Wiesenfest im letzten September, auch da konnten sich Besucher ja ihr eigenes Bild machen.

sc: Wie organisieren sich die Älteren, gibt es noch Orden?

Nein, Älterenorden gibt es zur Zeit nicht. Wohl aber eine inzwischen sehr ordensähnliche Fahrtengruppe, die sich Heckenritter nennt und weitere ähnliche, jedoch kleinere, mal mehr, mal weniger aktive Gruppen, die einiges zusammen unternehmen. Die meisten unserer Erwachsenen gehören aber keinen festen Älterengruppen an, sondern schließen sich mit anderen nur fallweise zu Fahrten zusammen – gerade sind welche für sechs Wochen in Mittelamerika unterwegs – oder befinden sich im direkten Umkreis der Jungengruppen, meist derjenigen, aus denen sie entstammen. Schön ist es, wenn Erwachsene Ämter übernehmen, wie du [David] ja im RjB, und dadurch unseren Bund repräsentieren und unterstützen. Das ist Dienst am Jungenbund.

sc: Noch mal zur Nachfrage: Wir haben jetzt oft von ‚den Älteren‘ gesprochen, wer muss sich da angesprochen fühlen?

In unseren schon von Anfang an geltenden Bundessätzen steht, dass alle über 18, die nicht mehr fest in einer aktiven Jungengruppe eingebunden sind oder eine solche führen, automatisch in den Älterenbund wechseln. Aber so ganz genau haben wir das nie genommen. Es gibt Übergangsphasen, die oft bis weit in die Studentenzeit hineingehen. Manche ‚altern‘ ja auch schon sehr früh, werden noch als Schüler zum Spießer und verlieren jeden jugendbewegten Elan und die Verbindung zu Jüngeren oder – schlimmer -, manchmal sogar das Verständnis. Ein guter Indikator sind die Jüngeren, die bestimmen bei uns nämlich selbst, mit welchen Älteren sie etwas unternehmen wollen.

sc: Gibt es also wie bei vielen anderen Bünden feste Vorgaben und Altersgrenzen?

Wie schon gesagt, wir handhaben vieles locker. Das letzte Wort haben immer die Jungen, denn wir betreiben keine Jugendpflege mit starrem Regelwerk und eingesetzten Betreuern. Die Horten bestimmen selbst, wer jeweils dazugehört. Überhaupt, bei uns sind Horten und Orden sehr autonom und können sich ziemlich frei eigene Schwerpunkte und Ausrichtungen geben. Von Seiten der Bundesführung wird selten hineingeredet.

sc: Wenn vieles eher locker gehandhabt wird, warum sind dann Ältere gegangen?

Tja, wenn ich das so genau wüßte. An mangelnden Frei- und Entfaltungsräumen jedenfalls kann es kaum gelegen haben und wirklichen Streit, gar handfesten Krach, gab es auch nicht. Bei ein paar Einzelnen gab es jedoch offenbar ein Bedürfnis, auch im Namen des Bundes zeitgeistige Fähnchen zu schwingen, vielleicht gar nach politischem Engagement, dem ich im Wege stand. Ich habe aber auch Aussagen gehört, die sprachen von ‚zu wenig Bund‘. Ich bin halt Anhänger möglichst großer Eigenständigkeit und Eigenleben der einzelnen Gruppen.

Manchmal braucht es aber längere Phasen, bis man sich in neue Rollen findet. Der Übergang vom Jungen zum Mann, von der jungen Fahrtengruppe zum ‚Altweinbacherorden‘ verläuft eben leider nicht immer ohne Brüche. Manche sehen sich auch mit 35 mit fast nur noch Gleichaltrigen als den jugendbewegten Mittelpunkt. Das kann hier und da durchaus der Fall sein, wenn dadurch Innovation und tatsächliche Sog- oder Antriebswirkung auf Jüngere ausgeht. Doch meist ist es eben nicht so. Wir haben da als Bund Ansprüche! Wir beziehen uns nicht nur oberflächlich oder aus Traditionsgründen auf den Urwandervogel und den Beginn der Jugendbewegung. Wer seine Rolle jedoch gefunden hat, den Jungenbund und insbesondere die Jungshorten und Heranwachsenden als Wesensteil akzeptiert und auch bereit ist, diese zu fördern und zu unterstützen, aber ansonsten in Ruhe lässt und eigenes Älteren-Gruppenleben entfaltet, der ist auch als älterer Erwachsener willkommen.

sc: Und jetzt, gibt es Streit mit den anderen?

Nein, glücklicherweise nicht. Es gab ja auch vorher keinen Krach und ich bin auch niemandem böse, eher enttäuscht. Trennungen gab es beim Wandervogel und überhaupt allen Bündischen recht oft. Auch deshalb gibt es ja solch eine Vielfalt an Bünden und Gruppen. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied und soll letztlich das tun, was ihm am besten gefällt. Wobei, auch das sagte ich ja schon, wir ja eigentlich in fast allen wesentlichen Fragen und Themen bis auf die ‚Älterenfrage‘ gar nicht oder kaum auseinanderlagen. Sie haben sich ja sogar auch, über die Bundessatzung hinweg, „Orden“ nennen können und konnten ihr eigenes Gruppenleben frei gestalten. Dennoch ist es im Zweifel besser, man geht getrennte Wege und jeder macht sein eigenes Ding und ist dadurch zufriedener, als dass man sich gegenseitig blockiert oder am Ende gar Abneigungen entwickelt. Positiv ist, dass sich dadurch für alle vielleicht zusätzliche neue Möglichkeiten auftun.

sc: Siehst du das Ausscheiden der beiden Gruppen etwa positiv?

Nein, ganz und gar nicht, ich finde es, wie schon gesagt, sehr schade und auch traurig. Vor allem wegen der vielen gemeinsamen, ganz oft sehr, sehr schönen Zeit und den Fahrten, die ich mit einigen der Älteren verbracht habe. Es ist uns zudem auch Potential verlorengegangen. Vor allem im musischen Bereich. Aber das Leben geht ja weiter und Eigenständigkeit bringt eben auch Freiheit und neue Möglichkeiten – auch für uns. Lieber wäre es mir freilich gewesen, wir hätten uns irgendwie einigen können.

sc: Zwei andere, nicht direkt zum Vorangegangen gehörende Fragen habe ich noch. Allerdings wird über diese beiden Themenbereiche ja auch innerhalb des RjB ganz allgemein und auch schon seit Jahren immer wieder diskutiert. Neulich konfrontierte mich ein Mädel aus einem anderen Bund mit dem Gerücht, die Weinbacher bzw. du seiest homophob, also schwulenfeindlich.

(lacht) Nun, hört man nicht auch öfters das genaue Gegenteil?! Allein die Tatsache, dass wir trotz aller zeitgeistigen Wellen noch immer ganz bewusst Jungenbund sind, gereicht einigen da schon für Spekulationen. Ich selbst habe freilich, und da mögen solche von dir genannten Vermutungen ihren Ursprung haben, für viele Auswüchse der Gender-Ideologie und Frühsexualisierung wenig übrig.

Im Prinzip geht es uns darum Frei- und größtmögliche Entfaltungsräume für Jüngere zu schaffen. Dazu gehört auch bewußtes Fernhalten von Schubladen in die man sich heutzutage, folgt man einigen ‚modernen‘ Bildungspolitikern, am besten schon weit vor der Adoleszenz einsortieren soll.

Jeder Jüngere soll unbeschwert und nicht gedrängt im Heranwachsen Erkenntnisse über sich selbst gewinnen und nach seiner Façon glücklich werden.

sc: Aber die Schublade Jungs/Männer gibt es schon?

Wir sind ja ein Jungen- und Männerbund und auch dieses Feld hat ja eine weite Bandbreite. Dass es ‚den‘ typischen Jungen oder Mann nicht gibt, wer wüsste das besser als Wandervögel mit ihrem ganzheitlichen Anspruch. Ich habe es bisher allerdings bei uns auch noch nie erlebt, dass ein Junge nicht Junge sein wollte. Man muss ja nicht bei uns sein wenn man das nicht mag.

Es geht mir eher um das, was über solch Grundsätzliches hinausgeht. Wer da schon zu früh weitere Schubladen aufmacht, erwartet, dass sich Jüngere dort einsortieren oder sich zumindest dahingehend ständig betrachten. Das nimmt ihnen jedoch ihre Unbefangenheit, was ich für falsch halte, weil es mitunter Druck aufbaut, aber in jedem Fall die freie Entwicklung beschränkt. Das betrifft übrigens viele Gebiete, auch z.B. Lernverhalten etc.

sc: Eine andere Frage die mir auch gelegentlich zu Ohren kommt: Sind die Weinbacher rechts?

Wir sind als ‚Weinbacher‘ unpolitisch, jedenfalls im parteipolitischen Sinne. Freilich interessieren wir uns für Gesellschafts- und vorallem auch Bildungspolitisches. Das liegt ja in der Natur der Sache, ist doch ein Großteil unserer Mitglieder im Schüler- und Studentenalter. Bei uns wird, insbesondere im Älterenkreis, bisweilen auch kontrovers über gesellschaftliche Themen gestritten, wichtig ist mir aber auch dabei die Freiheit in Wort und Gedanke. Wir wollen mit Argumenten fechten und nicht mit Tabus oder Beschränkungen, wie sie leider im öffentlichen wie auch im bündischen Raum immer häufiger werden. Das ist für die geistige Entwicklung insbesondere junge Menschen unerhört wichtig.

Zum Bund und unseren Horten gehören übrigens Jungs aus vielen Ländern, so hat z.B. seit vielen Jahren mehr als die Hälfte der Frankfurter Horte ausländische Wurzeln. Die dortigen Jungs oder ihre Eltern kommen momentan aus drei Kontinenten und sechs verschiedenen Ländern. Dort funktioniert Integration übrigens sehr gut!

sc: Aber es gibt im Bund schon eine konservative Grundhaltung, oder?

Konservativ, im Sinne von ’Gutes und Bewährtes auch unter der Prämisse modern sein zu wollen nicht einfach über Bord zu werfen.‘ Das trifft nicht nur auf Traditionen zu, sondern auch auf Haltung und Wertordnung. Dennoch gibt es natürlich auch bei uns einen steten Wandel und Erneuerung, – wir verharren ja nicht in einem Museum -, aber eben so, wie es uns richtig erscheint und nicht wie es andere, Außenstehende, manche Medien, die Politik oder Modewelt ‚fordert‘. Mit einer irgendwie ‚rechten‘ Haltung hat das jedoch nichts zu tun. Wir neigen eben dazu, selbst zu denken und frei zu reden. Damit eckt man bisweilen beim sogenannten ‚Mainstream‘ an. Das ist aber nicht schlimm, im Gegenteil, es fördert eigenes Nachdenken und damit geistige Entwicklung.

Für Offenheit, also dem Gegenteil von ‚verstaubtem‘, rückwärtsgewandten Konservatismus spricht ja auch, dass wir in den letzten Jahren ja gleich mehrere politisch engagierte junge Männer mit einem schon wirklich fundamental linken Weltbild in den Bund aufgenommen haben. Zunächst zählte einmal das Menschliche und sonstige Gemeinsamkeiten.

sc: Und, das ist gut gegangen?

Leider nicht in jedem Fall. Wer indoktrinieren, gar Jüngere vor seinen parteipolitischen Karren spannen will oder sich bequem in Ideologien vergräbt, statt selbst zu denken, der hat bei uns keinen Platz. Da kommen wieder die schon erwähnten Freiräume und gelebte Vielfalt, die gerade für Heranwachsende wichtig sind, ins Spiel. Wer politische Arbeit machen will, muss sich dafür andere Gruppierungen suchen.

Im Übrigen veröffentlichen wir in unserer Jahresschrift ‚Der Leiermann‘ immer wieder Artikel zu aktuellen Themen. Da kann man gut und ausführlich nachlesen, wie wir ticken, welche Themen uns wichtig sind und was der eine oder andere von uns zu sagen hat. Wer Interesse hat, kann sich für einen kleinen Obolus einzelne Leiermänner schicken lassen.

sc: Zum Schluss eine letzte Frage. Wie siehst Du die Zukunft des Bundes, blickst du optimistisch ins neue Jahr?

Ja, durchaus. Fast alle unsere Jungengruppen entwickeln sich zur Zeit richtig gut. Es sind allein in den letzten Wochen fast überall neue Jungs hinzugekommen. Im Raum südliches Hamburg und Münster entstehen sogar ganz neue Horten. Aber auch unser Älterenkreis vergrößert sich wieder. Es gibt eben noch immer eine ganze Reihe Jüngere und Ältere, die sich von jugendbewegtem Geist und Denken einfangen und begeistern lassen, die Fahrt und Abenteuer, Gruppe und Bund in ganz neuen Dimensionen erleben wollen.

sc: Der Wandervogel ist also nicht tot?

Nein….

sc: Danke für das Gespräch!

Redaktion SCOUTING

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