Positionierung der Balduinstein

Wohl in Reaktion auf das im April mit Schuldspruch beendete Verfahren gegen seinen langjährigen sozusagen-Herbergsvater (Revision wurde eingelegt, das Urteil ist nicht rechtskräftig) und nicht abklingender Kritik am Bildungswerk Balduinstein hat der Verein vor kurzem eine Positionierung auf seiner Internetseite veröffentlicht. Darin erklärt der Trägerverein u.a., dass das Freie Bildungswerk sich seiner Verantwortung für das Wohl von Kindern und jugendlichen Besuchern bewusst sei und ein Schutzkonzept zur Minimierung von Gefährdungssituationen in Bearbeitung sei. Jegliche Gefährdung des Kindeswohls, insbesondere jegliche Form sexueller Gewalt, habe bei ihnen keinen Platz. Alle Vereinsmitglieder Bildungswerkes hätten eine umfassende Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben, was sie fortan auch von erwachsenen Übernachtungsgästen bei Veranstaltungen des Burgvereines erwarten würden. Die Selbstverpflichtungserklärung umfasst auch die Aussage darüber, dass keine der in § 72a SGB VIII aufgeführten Straftaten begangen wurde, keine Verurteilung einer solchen Straftat erfolgte noch ein solches Verfahren gegenwärtig anhängig sei.

Das ist ein richtiger und guter Schritt. Mit Erstellung eines Schutzkonzeptes für einen Veranstaltungsort würde das Bildungswerk Balduinstein zu den Vorreitern in der Prävention innerhalb der Pfadfinder- und Jugendbewegung werden, denn über ein solches Konzept verfügen viele der bekannten anderen Veranstaltungsorte noch nicht.

Die Frage, die sich hierbei jedoch zwangsläufig stellt, ist, warum diese Maßnahmen erst jetzt erfolgen. Seit 2013 war der Vorstand des Bildungswerkes über den Tatverdacht gegen ihren sozusagen-Herbergsvater und damaligen Angehörigen des Vorstandes informiert. Dies geht aus einer gerichtlichen Zeugenaussage ebenso hervor wie aus einer entsprechenden Beschwerde des Nebenklägers (denn es war nicht zulässig, die Akten des Verfahrens zu verbreiten). Im Januar 2016 wurde die damalige erste Vorsitzende zudem persönlich von der Verfasserin dieses Beitrages in geeigneter Form darauf aufmerksam gemacht, dass immer noch ermittelt wird und der Versuch, die Burg Balduinstein aus ihrer Krise herauszuführen, zum Scheitern verurteilt sei, weil der Ansprechpartner immer noch unverändert wäre. Im Frühjahr 2016 erklärte das zuständige Jugendamt, die Vorsitzende habe ihnen gegenüber erklärt, dass die Person unter Tatverdacht beurlaubt sei. Dies war eine Behauptung, bei welcher es sich offenbar um eine substanzlose Ausflucht oder zeitlich begrenzte Handlung  handelte, denn bereits im Juli des Jahres war die Person nachweislich wieder tätig. Auch wenn mit Eintragung vom August 2016 eine personelle Veränderung im Vorstand erfolgte, so sorgte doch auch die neue erste Vorsitzende nicht für den Auszug des sozusagen-Herbergsvaters, auch über eine offizielle Entbindung von seinem Amt wurde nichts bekannt, ebensowenig von einem Ausschluss aus dem Trägerverein. Auf entsprechende Anfragen wurde nicht reagiert. Deshalb trägt auch der derzeitige Vorstand die Verantwortung dafür, dass eine Person unter Tatverdacht offenbar weiterhin (und zwar über insgesamt sechs Jahre hinweg (!)) auf der Jugendburg tätig sein konnte. Es ist in der Prävention nicht üblich, die Unschuldsvermutung aus dem Strafrecht anzuwenden. Es besteht hinsichtlich Prävention ein breiter fachlicher Konsenz für eine sofortige Beurlaubung bei dem Bekanntwerden von Vorwürfen – auch zum Schutz der Person unter Verdacht!

Nun begrenzt sich die Problematik des Bildungswerkes aber eben nicht auf eine einzelne verurteilte Person. Es gibt überdeutliche Hinweise darauf (wohl eher: Feststellungen von Gerichten), dass auf der Burg und auch im mit diesen Personen verwobenen Bildungswerk ein Netzwerk sexuellen Missbrauchs bestand. Und folgt man historischen Dokumenten und Aussagen (mutmaßlicher) früherer Betroffener ebenso wie erfolgten Verurteilungen, zieht sich die Geschichte des sexuellen Missbrauchs auf Burg Balduinstein bis zu seiner Gründung zurück. Hier bestünde die augenscheinliche Notwendigkeit einer umfassenden Aufarbeitung der Vergangenheit durch das Bildungswerk und dessen Veröffentlichung. Es gibt bislang keine Hinweise darauf oder Ankündigungen dazu, dass dies geschehen wird. Dies wäre aber – ebenso wie der Rücktritt oder noch besser Austritt aller Personen, die mit zu eklatanten Fehlentscheidungen der letzten Jahre beigetragen haben -,  notwendig, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das denkt jedenfalls die Verfasserin dieser Zeilen darüber.

Die Positionierung des Bildungswerkes ist selbstverständlich ausdrücklich zu begrüßen, aber das allein reicht eben nicht aus, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. An einen größeren Verteiler erfolgte stattdessen angeblich erst vor kurzem eine Mitteilung des Bildungswerkes, worin einer Person, welche sich kritisch über das Bildungswerk geäußert hatte, wohl Verleumdung vorgeworfen wurde. Nun ist Verleumdung, wenn man erweislich unwahre Dinge behauptet und der Verbreiter darum weiß, dass es sich um die Unwahrheit handelt. Das ist nun spekulativ: Sollte der Vorstand des Bildungswerkes hingegen wissen, dass die über das Bildungswerk verbreiteten Tatsachenbehauptungen zutreffen, so war sein Schreiben selbst verleumdend, denn er hätte dann darin eine namentlich genannte Person unzutreffend der bewussten Lüge bezichtigt.

Ob es sich aber bei den behaupteten Dingen überhaupt um eine Unwahrheit handelte, ist noch ebensowenig gerichtlich geklärt, wie der Umstand, ob es sich gar um eine bewusste Lüge handelte. Hinweise darauf, dass bestimmte Gegebenheiten auf der Burg, aber auch im Bildungswerk selbst aktiv mit dazu beitrugen, dass dort sexueller Missbrauch erfolgen konnte, gibt es jedoch zuhauf: Darunter auch eine ganze Latte an äußerst soliden Beweisen in Form von Gerichtsurteilen etc. (Stichwort Privatzimmer, Mitgliedschaft von (späteren) Tätern im Trägerverein auch an führender Position usw.).

Die Notwendigkeit, neben Prävention auch Aufarbeitung der Vergangenheit zu betreiben, ist augenscheinlich vorhanden. Stattdessen Energien darauf zu verwenden, Kritiker mundtot zu machen, ist hingegen m.E. keine vertrauensbildende Maßnahme, selbst wenn (wohlbemerkt wenn!) die ein oder andere Kritik ihren Wahrheitsgehalt erst noch gerichtlich erweisen muss. Für mich zeigt sich darin, dass Rechtsanwälte (auch solche im Vorstand der Balduinstein) vielleicht berufsbedingt dazu tendieren, Lösungen auf dem juristischen Wege zu suchen; wo doch stattdessen Kommunikation, Aufarbeitung und Selbstreflexion notwendig wäre.

Und diese kritischen Zeilen sollen gewiss keine Retourkutsche für eine vor Monaten angedrohte Unterlassungsklage (auch) gegen meine Person sein. Selbstverständlich hat das Bildungswerk das Recht, sich gegen Lügen zu Wehr zu setzen. Es wäre allerdings auch angezeigt, sich intern damit auseinanderzusetzen, ob es sich überhaupt um Lügen handelt. Und wenn der gegenwärtige Vorstand das nicht beurteilen kann, weil ihm das notwendige Hintergrundwissen fehlt, dann steht zu befürchten, dass der von ihm eingeschlagene juristische Weg zu unerfreulichen Überraschungen für ihn selbst führen könnte; dass die vermeintlichen Lügen auf Basis solider Informationen erfolgten, die er selbst nicht hatte oder nicht entsprechend bewerten wollte. Um etwas wahrzunehmen, muss man es vielleicht zunächst erstmal als wahr annehmen. Und diese letzten Sätze sind selbstverständlich eine persönliche Meinung der Verfasserin und keine Tatsachenbehauptung, die bewiesen werden muss und auch keine offizielle Haltung der Redaktion oder des Verlages. Beschwerden und juristische Drohungen also bitte direkt an mich, die Adresse ist ja hinlänglich bekannt.

Frage am Rande: Wurde eigentlich die Sportjugend Hessen darüber informiert, dass deren Verhaltenskodex bis auf punktuelle Abwandlung wörtlich als Selbstverpflichtungserklärung für das Bildungswerk übernommen wurde?

Wer sich nun trotzdem noch fragt, wo denn nun eigentlich ein grundsätzliches Problem hinsichtlich Balduinstein existiert, darf hiermit eine Premiere erleben: Folgt nachfolgendem Link und gelangt zum eisbrecher, wo Annemarie Selzer über das Geschehen einen umfassenden Artikel verfasste, welcher von der eisbrecher-Redaktion kostenfrei (!) allen zur Verfügung gestellt wird. Natürlich freuen sich alle Zeitschriften der Pfadfinder- und Jugendbewegung, wenn man das weitere Erscheinen mit einem Abo unterstützt.