Offener Brief des neuen Balduinstein-Vorstandes

Der neue Vorstand (Gretel, Wölfchen und Costa) des Bildungswerkes Balduinstein hat am 28. April u.a. der Scouting-Redaktion einen Offenen Brief zukommen lassen. Er legt dar (Originalwortlaut nachfolgend), mit welchen Maßnahmen sie das Kindeswohl im Bildungswerk Balduinstein künftig sicherstellen wollen.

Im Freien Bildungswerk Balduinstein war es im Laufe seines Bestehens wiederholt durch Missbrauchstaten durch Besucher, aber auch Mitglieder des Bildungswerkes und sogar einzelne Vorstände des Bildungswerkes an Kindern und Schutzbefohlenen gekommen. Seinen vorläufigen Abschluss fand die jüngste Verfahrenswelle 2019, als ein langjähriger ehemaliger Vorstandsvorsitzende in einem immer-noch-nicht-rechtkräftigen-Urteil des Kindesmissbrauchs für schuldig befunden wurde. Die (mutmaßlichen) Taten lagen zu diesem Zeitpunkt fast zehn Jahre zurück. Die Vorgänger des jetzigen Vorstandes hatten es zuvor, obgleich diese Person weiterhin in Kontakt zu Kindern und Jugendlichen kommen konnte, nicht für nötig befunden, ihn in seiner Tätigkeit zu beurlauben, sobald ihnen bekannt geworden war, dass gegen ihn ermittelt wurde. Vielmehr ließen sie ihn seine Tätigkeit, bei der in vertrauensvollen Kontakt mit Kindern treten konnte, mehrere Jahre trotz laufender Ermittlungen weiterhin ausüben.

Durch das Bekanntwerden der jüngsten Missbrauchsfälle ab 2013/2014 (die Ereignisse lagen zu diesem Zeitpunkt etwa 5 Jahre oder länger zurück), aber auch durch das unangemessene Verhalten frührerer Vorstände, entstand dem Bildungswerk ein schwerer Imageschaden. Nicht wenige Organisationen der Pfadfinder- und Jugendbewegung appellierten seinerzeit an ihre Mitgliedsgruppen, den Besuch der Balduinstein zu vermeiden. Zum einen, um nicht die jungen Gruppenmitglieder auf einen dort tätigen Tatverdächtigen stoßen zu lassen, aber auch, um das unangemessene Krisenmanagements des Trägervereines nicht finanziell zu unterstützen.

Unmittelbar nach seiner „vorläufigen“ Verurteilung (die immer noch nicht rechtskräftig ist) beendete die 2019 verurteilte Person wohl ihre Mitgliedschaft im Freien Bildungswerk Balduinstein, einige Wochen später auch ihre körperliche Anwesenheit auf der Balduinstein. Selbstverständlich ist der neue Vorstand des Bildungswerkes bemüht, nun einen Schlussstrich zu ziehen. An seinen Präventionsansätzen ist nichts zu kritisieren. Sie sind durchdacht und reichen weiter als die manch anderer Institution. Meine persönliche Kritik richtet sich also nicht gegen diese Maßnahmen, welche ausdrücklich zu begrüßen sind. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass ein „Schlussstrich“ ohne öffentliche Aufarbeitung der Übergriffe der vergangenen Jahrzehnte nicht möglich gemacht werden sollte.

Schwerpunkt der ausstehenden Aufarbeitung wäre m.E. die Analyse darüber, welche Rahmenbedingungen mit zu den Übergriffen führten und diese Übergriffe überhaupt erst ermöglichten oder sogar förderten, kurzum die Darlegung des Maßes der Verpflechtung von Personen des Trägervereines mit Täterkreisen. Eine solche Aufarbeitung kann zudem nicht ohne die Beteiligung von Betroffenen erfolgen. Es findet sich im „Offenen Brief“ des neuen Vorstandes aber kein Wort dazu, ob eine solche Aufarbeitung unter der Einbindung von Betroffenen geplant ist. Es ist deshalb leider davon auszugehen, dass sie nicht geplant ist. Und dann läuft aktuell wohl auch eine Unterlassungsklage vom Trägerverein gegen eine Person, die kurz nach der „noch-nicht-rechtskräftigen Verurteilung“ ihre Befürchtung an politischer Stelle kundgetan hatte, der „vorläufig“ Verurteilte könne weiterhin im Bildungswerk tätig bleiben und sinngemäß in etwa wohl auch die „steile These“ aufstellte, im Bildungswerk selbst hätte von Gründung an ein massives Problem hinsichtlich sexuellem Kindesmissbrauchs bestanden und Wiederholung wäre zu befürchten. Ja, tatsächlich, gegen diese „steile These“ geht der Vorstand also gerichtlich vor. Aufarbeitung ist das nicht, sondern wirkt (sofern die Vorwürfe denn stimmen sollten!) wie der Versuch des Verteilens von Maulkörben und der Geschichtsklitterung. Solch kritischen Hinweisen wäre aber mit offensiver Aufarbeitung (statt mit Unterlassungsklage) nachzugehen, um herauszufinden, ob sie und im welchen Maße sie der Wahrheit entsprechen und die Ergebnisse der Aufarbeitung wären der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen, damit diese sich eine eigene Meinung dazu bilden kann.

Hinzu kommt dann noch, dass zumindest zwei Personen des neuen Vorstandes, der da an den Start gegangen ist, um einen Schlussstrich zu ziehen, keinesfalls neue Gesichter sind. Sie gehörten mit zu den Mitwirkenden im Trägerverein auch schon in früheren Zeiten, waren möglicherweise zumindest indirekt mit am Beschluss beteiligt, den Tatverdächtigen nicht von seinen Aufgaben zu entbinden. Um sich von diesem Verdacht reinzuwaschen, müssten sie sich zunächst offiziell von dem damaligen Beschluss, den Tatverdächtigen weiterhin tätig bleiben zu lassen, distanzieren. Dies ist bislang nicht erfolgt. Deshalb muss ich leider davon ausgehen, dass sie sich weiterhin nicht gegen ihren früheren Vereinskameraden stellen werden. Und das, die fortgesetzte Vereins-Solidarität mit einem Tatverdächtigen (was nichts mit ihrer privaten Freundschaft zu tun hat, das wäre ja ihr Privatbier) ist und war doch eigentlich schon immer eines der Hauptprobleme. Denn sie trug nach meinen Erkenntnissen wesentlich mit dazu bei, dass es überhaupt in diesem Ausmaß zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen auf der Balduinstein kommen konnte. Prävention hin oder her.

Ohne gemeinsame Aufarbeitung von Betroffenen und Täter-beherbergenden Institution kann keine Heilung erfolgen – weder auf Seiten der dann „ausgeblendeten“ Betroffenen, noch der vom Missbrauch betroffenen Institution. Statt Heilung erfolgt dann Verdrängung, kein Bewusstseinswandel. Und so steht zu befürchten, dass es es irgendwann irgendwem auf der Balduinstein wieder „Freude“ machen könnte „zu umarmen, was gefällt“. (Zitat aus einem bekannten Lied des Balduinstein-Mitbegründers und allerersten Vorsitzenden des Trägervereines Alexej „Axi“ Stachowitsch, der gleichfalls Täter war). Dieser letzte Satz ist selbstverständlich die persönliche Meinung der Autorin und keine Tatsachenbehauptung, ebenso wie dieser Beitrag die persönliche Meinung und Stellungnahme der Verfasserin widergibt und gewiss nicht jene der Redaktion oder des Verlages oder automatisch des Bundes, dem die Autorin zugehörig ist usw.

Hier der „Offene Brief“ des neuen Vorstandes des Bildungswerkes Balduinstein:

„Liebe Freunde,

das Freie Bildungswerk Balduinstein hat sich intensiv mit der Thematik des Kindeswohls auseinandergesetzt und unser Präventions- und Interventionskonzept hierzu ist fast fertig. Wir möchten euch gerne über einige Grundzüge unseres Konzeptes informieren, damit ihr auf dem neuesten Stand der Dinge seid. Wir haben uns in unserer Herangehensweise an den Maßstäben der Jugendverbände orientiert, unabhängig davon, dass wir ein Erwachsenenverband sind. Als Konsequenz vergangener Vorfälle ist es uns wichtig, hier sehr niedrigschwellig zu arbeiten, um besonders Kindern und Jugendlichen im Rahmen unserer Möglichkeiten ein geschütztes Umfeld auf der Burg zu bieten, auch wenn unsere Gastgruppen für ihre Veranstaltungen natürlich selbst verantwortlich sind.

Dazu gehören unter anderem:
– Alle Mitglieder des Burgvereins positionieren sich klar gegen jegliche Form der Kindeswohlgefährdung, besonders gegen jegliche Form sexueller Gewalt. Die Mitglieder unseres Vereins haben unsere Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben und werden weiter sensibilisiert und qualifiziert.
– Übernachtungsgäste bei Veranstaltungen des Burgvereins müssen ebenfalls unsere Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben, die auch als Download auf der Homepage zur Verfügung steht. – Ein Kodex für den Umgang miteinander befindet sich im Schaukasten am Kutscherhaus und auf der Homepage. Wir bitten alle Besucher der Burg, sich daran zu halten.
– In jedem Haus stehen die rot/grünen „Visitenkarten“ zur freien Verfügung mit einem begleitenden, erklärenden Text. Die Karten sollen unseren Gästen ermöglichen, schnell, leicht und non-verbal Ablehnung oder Zustimmung auszudrücken. Wir wollen ein Miteinander fördern, bei dem jede Form der Grenzverletzung offen und angstfrei angesprochen werden kann. Der Gebrauch einer roten Karte ist für den Empfänger eine deutliche Aufforderung zur Unterlassung und für die anwesenden Gruppenleiter und Erwachsenen ein Signal zu erhöhter Aufmerksamkeit und ein eventuelles Eingreifen.
– In jedem Haus hängt ein Handlungsleitfaden für den Verdachtsfall einer Kindeswohlgefährdung aus.
– Handynummern von Ansprechpartnern aus dem Burgverein befinden sich im Schaukasten und auf der HP.
– Die Telefonnummer einer Beratungsstelle für den Bedarfsfall befindet sich im Schaukasten.
– Wir evaluieren die Gruppen, die uns besuchen wollen, sehr genau. Gruppen, die sich nicht an das Kindeswohl halten wollen, sind bei uns nicht willkommen.
– Wir sind aufmerksam und achten auf uns und unsere Gäste!

Unsere Burg ist ein schöner und friedlicher Ort, der viele Chancen und Möglichkeiten bietet, und der Burgverein ein Kreis verantwortungsbewusster Menschen, deren Ziel die Erhaltung der Burg als Institution ist.
Horridoh, Gretel, Costa und Wölfchen“