Hauptverfahren gegen langjährigen Vorstand

Morgen, also am 31.01., soll das Hauptverfahren wegen des Vorwurfes des sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen ein langjähriges früheres Vorstandsmitglied des Freien Bildungswerkes Balduinstein am Amtsgericht Diez beginnen. Scouting wird berichten. Der Prozessstart war zuvor allerdings bereits zweimal kurzfristig wegen Erkrankung des Richters/der Richterin verschoben worden. Es handelt sich um das insgesamt vierte Verfahren einer Prozesswelle, die mit dem Verfahren gegen ein führendes Mitglied des „Autonomen Wandervogel“ 2013 ihren Anfang genommen hatte. Aus den in diesem Rahmen getätigten Aussagen hatten sich Verdachtsmomente gegen fünf weitere Personen ergeben, bei denen es sich teilweise um Mitglieder des Autonomen Wandervogel, ehemalige Vorstände und/oder ehemalige Mitglieder des Freien Bildungswerkes Balduinstein oder regelmäßige frühere Gäste des Bildungswerkes handelte.

Die Prozesswelle nahm ihren Anfang damit, dass im Sommer 2013 ein führendes Mitglied des Autonomen Wandervogel wegen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen verurteilt worden war, der gegen dieses Urteil jedoch erfolgreich Revision einlegte und dann im November 2014 rechtskräftig zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.  Im Juni 2014 war dann ein früherer Vereinsvorstand des Bildungswerkes, der Mitglied des Autonomen Wandervogel gewesen war, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Als Bewährungsauflage hatte er drei Beratungsgespräche bei der psychiatrischen Ambulanz in Trier wahrzunehmen, um seine weitere Therapiebedürftigkeit abzuklären, zudem zahlte er jeweils eine niedrige vierstellige Summe an Schmerzensgeld an die beiden Betroffenen. Ein weiteres Mitglied des Autonomen Wandervogel wurde von Gericht von den Vorwürfen freigesprochen. Zwei Ermittlungen wurden 2016 wegen nicht hinreichendem Tatverdacht eingestellt (wobei einer der beiden Personen bereits 2005 wegen Drogenhandel und Zuhälterei von Minderjährigen angeklagt und -soweit nachvollziehbar- zumindest wegen des Drogenhandels verurteilt worden war. Die andere Person war schon Jahrzehnte zuvor wegen sexuellem Missbrauch zu einer Geldstrafe verurteilt worden).

Der jetzt Angeklagte ist (ähnlich wie die bereits im Juni 2014 verurteilte Person) ein ehemaliger Vorstand des Freien Bildungswerkes Balduinstein. Trotz der anhaltenden Ermittlungen erfolgte keine „Beurlaubung“ seiner Person in seiner weiteren Tätigkeit für das Bildungswerk. Dies sorgte für erhebliche Unruhe innerhalb der Pfadfinder- und Jugendbewegung und dazu, dass viele Organisationen ihren Mitgliedern nahelegten, nicht mehr mit Jugendgruppen auf die Burg Balduinstein zu fahren. Auch aus dem Verzeichnis überbündischer Begegnungsorte des Pfadfinder-Treffpunkt wurde die Balduinstein schon vor einigen Jahren gelöscht. Aufarbeitungsbemühungen des Bildungswerkes (auch in vergangenen Jahrzehnten war es schon zu zahlreichen Vorwürfen, Ermittlungen und Verurteilungen aufgrund sexuellen Missbrauchs gegen Mitglieder des Bildungswerkes, Mitbegründer des Bildungswerkes oder regelmäßige Gäste gekommen) waren von der Öffentlichkeit nicht wahrnehmbar. Auch die Präventionsbemühungen des Bildungswerkes (zu finden unter www.jugendburg-balduinstein.de/der-verein/erkenntnisse-und-massnahmen/) schienen ins Leere zu laufen, da eine Person, gegen die durch die Staatsanwaltschaft ermittelt wurde, weiterhin auf der Burg in einem Bereich tätig war, in welchem er in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommen konnte. Diese Ermittlungen mündeten nun, nach fünf Jahren (!) im jetzigen Gerichtsverfahren. Auf eine bereits vor einigen Wochen per E-Mail getätigte Anfrage, ob denn nun, in Anbetracht des unmittelbar bevorstehenden Gerichtsverfahrens, eine Beurlaubung erfolgen werde, antwortete der Trägerverein des Freien Bildungswerkes Balduinstein nicht.