Kommentar zum ersten Verhandlungstag

Es gibt wohl zwei Betrachtungsweisen des Strafverfahrens wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs eines Kindes gegen den langjährigen früheren Vorstand des Bildungswerkes Balduinstein, welches heute am Amtsgericht Diez eröffnet wurde. Das eine ist die juristische Sichtweise. Und nach dieser spielte es heute nur eine Rolle am Rande, was dem Angeklagten inhaltlich vorgeworfen wurde, was er getan haben soll.

Vielmehr ging es vorrangig um eines: Wann er es getan haben soll. Denn die Anklage lautet auf sexuellen Missbrauch eines Kindes. Würde sie stattdessen auf sexuellen Missbrauch eines Schutzbefohlenen lauten, wären die Vorwürfe wohl schon verjährt. Und so ging es primär darum, ob die Übergriffe tatsächlich schon 2001 oder 2002 begannen oder nicht vielleicht erst 2003. Hierzu wurden mehrere Zeugen angehört, darunter auch mehrere Betroffene von Tätern aus dem Umfeld des jetzt Angeklagten, die bereits 2014 verurteilt worden waren. Dabei ergab sich kein klares Bild, denn viele der Angehörten waren erst später zur Gruppe hinzugestoßen und konnten nur von Bauchgefühlen berichten, dass bestimmte Gegebenheiten (wie dass sogenannte Lieblingspimpfe zumeist nicht bei ihrer Gruppe in einem normalen Gästezimmer auf Burg Balduinstein übernachteten, sondern mit ihrem jeweiligen Täter beziehungsweise dem jetzt Angeklagten in dessen jeweiligen Privatraum im Obergeschoss der Burg) schon zuvor bestanden.

„Auf der Burg, da war das ein offenes Geheimnis.“

Wer jedoch nicht von der juristischen Warte aus an das Verfahren ging, dem drehte sich wohl schlicht der Magen herum. Der Umstand, dass es zu manuellem und oralem Geschlechtsverkehr des Belastungszeugen und Nebenklägers mit dem Angeklagten gekommen sein soll (und im Jahr 2005 zudem wohl auch mit einem weiteren Zeugen), wurde an diesem Verhandlungstag nicht wirklich in Frage gestellt. Der Angeklagte selbst ließ seinen Anwalt eine Erklärung verlesen, dass er die Gruppe eines bereits früher verurteilten Täters (dieser gehörte der Nebenkläger an) überhaupt erst zum Jahreswechsel 2002/2003 im Rahmen einer Silvesterfeier (und somit nach dem 14. Geburtstag des Nebenklägers) kennengelernt hätte. Der Nebenkläger sei nach seiner Erinnerung erst 2004/2005 zur Gruppe hinzugestoßen. Der Autonome Wandervogel sei nur eine Gruppe unter vielen tausend Übernachtungsgästen jedes Jahr auf der Burg gewesen und hätte nur Gastbezug zur Burg.

In Teilen scheint es sich bei dieser Einlassung allerdings um schwache Erinnerung zu handeln. Mehrere Zeugen gaben an, dass die Kontakte zwischen der Gruppe eines bereits verurteilten Täters und dem Angeklagten wohl bereits ab Anfang 2002 intensiviert wurden. Entsprechend dürfte es sich wohl eher um die Silvesterfeier 2001/2002 gehandelt haben, bei der erster engerer Kontakt zwischen der betreffenden Pfadfindergruppe und dem jetzt Angeklagten, der auf der Burg schon damals eine wichtige Rolle spielte, zustandekam. Und der Umstand, dass der Autonome Wandervogel sich zunächst „Balduinsteiner Wandervogel“ genannt hatte und alle heute angehörten zugehörigen Personen übereinstimmend erklärten, nahezu ständig mit der Gruppe oder zumindest in einer Abordnung an den Wochenenden auf der Burg gewesen zu sein, klingt nun auch nicht nach „irgendeiner Gastgruppe ohne besonderen Burgbezug“.

„Für mich war das quasi normal gewesen“

In den Gruppen des Autonomen Wandervogels und auch schon vor dessen Gründung zu Pfadfinderzeiten wuchs da eine Generation von Jungen heran, für die es völlig normal war und ein offenes Geheimnis, dass bestimmte Ältere (beziehungsweise sehr viel Ältere – der aktuell Angeklagte war zum vermeindlichen Tatbeginn knapp 60 Jahre alt) der Balduinstein sich einen „Lieblingspimpf“ von um die 14 Jahren aussuchten, diesen mit Geschenken und Lob überhäuften und mit ihnen sexuell verkehrten. Auf die Idee, dass dies strafbar sein könnte, kam von den Betroffenen niemand. Und dass dies nicht normal sein könnte, auf die Idee kam auch niemand, denn man kannte als Heranwachsender ja nur seine eigene Gruppe und da war das eben normal.

„Was tut denn das zur Sache“ „Lächerlich“

Unter den etwa zehn Zuhörern befanden sich neben Pressevertretern zahlenmäßig überwiegend Personen aus dem Umfeld des Freien Bildungswerkes Balduinstein. Jene, die zur Unterstützung der Betroffenen angereist waren, befanden sich in der Minderheit. Nach ihren gemurmelten Einwürfen zu schließen, hängt das Umfeld des Angeklagten der rein juristischen Betrachtungsweise an. Und nach dieser tut es womöglich nichts zur Sache, dass der Nebenkläger und ein weiterer Zeuge als Heranwachsende mit dem jetzt Beklagten angeblich sexuell verkehrten und diese Handlungen eventuell vom Beklagten ausgingen. Denn als vierzehnjähriger Junge hätte man juristisch betrachtet selbst zu wissen, wie man darauf zu reagieren hätte, wenn einem von einem fast sechzigjährigen Mann wiederholt in die Schlafanzughose gegriffen würde, das ist kein Fall für ein Strafverfahren. Und selbst wenn es der Präsident des eigenen Bundes (der Beklagte war dies bei Gründung des Balduinsteiner Wandervogels) oder der Herbergsvater der Unterkunft, in der man war, gewesen wäre, wäre dies inzwischen wohl verjährt. Womöglich war der Betroffene aber erst Dreizehn. Und dann sähe es, würden die Vorwürfe zutreffen, ganz anders aus. Der nächste Verhandlungstermin ist am 14.02. ab 10 Uhr am Amtsgericht Diez, die Verhandlung ist öffentlich. Geladen sind als Zeugen zum nächsten Termin auch bereits verurteilte Täter.

[Edit: In Strafverfahren heißt es Angeklagter und nicht Beklagter; Zeugen werden angehört und nicht verhört; Klarstellung, dass nicht nur Personen, die zur Unterstützung des Angeklagten gekommen waren, im Zuschauerraum saßen. Tippfehler entfernt. Zudem nachfolgende Hintergrundinfos eingefügt. Weiteres Edit: Erst bei einem nachfolgenden Verhandlungstermin wurde die Gründungsurkunde des Balduinsteiner Wandervogels verlesen, aus der sich ergab, dass der Angeklagte nicht, wie es beim ersten Verhandlungstag geklungen hatte, Kanzler des Bundes Autonomer Wandervogel gewesen war, sondern Präsident des Balduinsteiner Wandervogels, der sich später umbenannte. Auch wurde vom Verteidiger des Angeklagten dargelegt, dass der Angeklagte dann im Autonomen Wandervogel kein offizielles Amt bekleidet habe.)

Zum Hintergrund:
Der Autonome Wandervogel (AWV) wurde zur Jahreswende 2005/2006 offiziell gegründet, zunächst unter dem Namen Balduinsteiner Wandervogel. Er entstand u.a. aus Personen, die zuvor zu einer Pfadfindergruppe im Saarland gehört hatten, aber auch früheren Vorständen des Freien Bildungswerkes Balduinstein. Schon vor der Gründung des AWV bestanden enge Kontakte zwischen diesen Personen. Bereits verurteilt wurde 2014 ein Ordensführer und Mitbegründer des Autonomen Wandervogel wegen des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener. Dieser soll zum Tatzeitpunkt Mitglied des Freien Bildungswerkes Balduinstein gewesen sein. Ebenfalls verurteilt wurde 2014 ein weiteres älteres Mitglied des Autonomen Wandervogels, dieser ein früherer Vorstand des Freien Bildungswerkes Balduinstein, der zum Tatzeitpunkt Mitglied des Bildungswerkes war. Jetzt angeklagt ist der Präsident des Balduinsteiner Wandervogels und Mitbegründer des Autonomen Wandervogels. Auch dieser ein früherer Vorstand des Freien Bildungswerkes Balduinstein, der zudem weiterhin dort tätig zu sein scheint. Die bereits erfolgten Verfahren ergaben den Eindruck eines Netzwerkes sexuellen Missbrauchs. In allen drei Fällen ging es auch um Übergriffe, die sich auf der Burg Balduinstein ereigneten beziehungsweise (wie im aktuellen Verfahren) ereignet haben sollen.
Siehe auch:
https://scouting.de/hauptverfahren-gegen-langjaehrigen-vorstand/