Dritter Verhandlungstag (und kein Urteil)

Am heutigen dritten Verhandlungstag des Missbrauchsverfahrens gegen ein früheres Vorstandsmitglied des Freien Bildungswerkes Balduinstein sowie Mitglied des Autonomen Wandervogel wurden fünf Zeugen gehört, einer davon zweimal. Ein früheres Mitglied der Pfadfindergruppe, zu der auch der Nebenkläger (Betroffene) gehörte, schilderte, dass er persönlich erst zu der Silvesterfeier, welche der Angeklagte als ersten Zeitpunkt des Kennenlernens mit der Gruppe benannt hatte, anwesend gewesen sei. Seine Gruppe sei aber bereits in Silvester des Vorjahres zu Gast gewesen. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem der Nebenkläger und Betroffene noch nicht 14 Jahre alt war. Auch der zweite Zeuge des Tages war dieser Pfadfindergruppe zugehörig gewesen und bestätigte, dass ihr später selbst verurteilte Stammesführer schon vor der fraglichen Silvesterfeier in Führungsverantwortung stand. Der Richter ließ in einem Nebensatz erkennen, dass er einige Aussagen des Stammesführers über Zeitpunkte, welche dieser als Zeuge beim zweiten Verhandlungstag geäußert hatte, für widerlegt hält. Ein weiterer Zeuge aus dem späteren Autonomen Wandervogel erklärte, niemals Lieblingspimpf oder angehender Lieblingspimpf des Angeklagten gewesen zu sein und auch nie eine Lederhose von diesem erhalten zu haben, wie eine Zeugin des zweiten Verhandlungstages vermutet hatte.

Weiterer Zeuge war langjähriger „erster Mann“ auf der Burg bis 2005. Er brachte Ausdrucke von Belegungsbüchern der Burg mit, aus denen hervorging, dass zu dem Zeitpunkt, den der Angeklagte angegeben hatte, der saarländische Pfadfinderstamm gemäß Unterlagen tatsächlich vor Ort war. Dass dies jedoch schon auf das Vorjahr zutraf, war diesen Ausdrucken nicht zu entnehmen. Der Zeuge hatte die Ausdrucke auch erst vor drei Wochen auf Geheiß der ersten Vorsitzenden des Bildungswerkes Balduinstein vorgenommen, nachdem diese ihm gesagt hatte, es könne gut sein, dass er in den Zeugenstand gerufen werden würde. Der Antrag des Anwaltes des Nebenklägers, durch ein Gutachten klären zu lassen, ob die Originaldatei eventuell nachträglich manupuliert worden sei, wurde auch vom Staatsanwalt als nicht zielführend zurückgewiesen. Das ließe sich sowieso nicht mehr feststellen. Der Zeuge bestätigte, dass der Angeklagte und die Gruppe, zu denen der Betroffene gehörte, sich sicher erst nach dem 14. Geburtstag des Betroffenen kennengelernt hätten. Dieser Zeuge gab an, von angeblichem sexuellen Missbrauch nie etwas mitbekommen zu haben.

Eine Zeugin war (ehemalige) Vorsitzende des Bildungswerkes, was sie in ihrer Zeugenaussage aber nicht erwähnte. Sie war Teilnehmerin eines Segeltörns des Bildungswerkes und erklärte, den Eindruck gehabt zu haben, dass sich der Beklagte und der Stammesführer des Betroffenen, die beide ebenfalls beim Segeltörn dabei waren, sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange kannten. An den fraglichen Silvesterfeiern war sie nicht zugegen. Auch diese Zeugin gab an, von angeblichem sexuellen Missbrauch nie etwas mitbekommen zu haben.

Verschiedene (Neben-)Beweisanträge des Anwalts des Nebenklägers, die hätten Auskunft darüber hätten geben sollen, dass die einvernehmliche Trennung des Angeklagten von seinem Arbeitgeber in den neunziger Jahren angeblich aufgrund dessen Übergriffigkeit gegenüber Schutzbefohlenen in dessen Tätigkeit als Heimerzieher erfolgt seien, wurden von der Staatsanwaltschaft, dem Richter und dem Verteidiger als irrelevant für dieser Verfahren erachtet. Es ergab sich jedoch die Notwendigkeit, den vom Anwalt des Nebenklägers eingeführten weiteren Zeugen, einem Freund des Pfadfinderstammes, noch anzuhören, nachdem sich ergeben hatte, dass dieser beim fraglichen Silvester gleichfalls vor Ort gewesen sein soll.

Deshalb wurde die Fortsetzung des Verfahrens auf den 07. März ab 10 Uhr festgelegt.

In der Pause gab es einen lautstarken Tumult auf dem Flur, als ein früheres und durchaus betagtes Vorstandsmitglied des Freien Bildungswerkes Balduinstein verbal in voller Lautstärke ein früheres Mitglied des Arbeitskreises „Schatten in der Jugendbewegung“ anging, was der Richter ausdrücklich rügte und erklärte, ein solches Verhalten nicht zu dulden. Der erregte Herr soll sich darüber aufgeregt haben, dass eine bereits verurteilte Person (Ordensführer im Autonomen Wandervogel) ja wohl auch auf der Ludwigstein zu Gast gewesen wäre und dort ebenfalls übergriffig geworden sei. Zudem war aus seinen Worten wohl zu schließen, dass er es auch als undankbar empfände, nach all dem, was auch er persönlich auch für die Ludwigstein geleistet hätte, dass eine (frühere) Vertreterin der Ludwigstein sich so positionieren würde, wie sie es täte. Diese stritt die Tatsache, dass auch die Ludwigstein Tatort war, nicht ab, was aber wohl nicht zur Beruhigung des Gesprächspartners führte.

Sollten sich unter den Lesern Personen befinden, welche aus eigener Anschauung oder gar durch Fotos darlegen können, zu welcher Silvesterfeier der frühere Stammesführer der Landsknechte und der jetzt Angeklagte sich kennenlernten, so wäre es im Sinne der Wahrheitsfindung äußerst sinnvoll, sich mit dem Amtsgericht Diez, dem Nebenkläger RA Björn Seelbach oder der Staatsanwaltschaft Koblenz in Verbindung zu setzen. Denn es waren bei den Silvesterfeiern immer mehrere Gruppen vor Ort, auch solche, die weder mit dem Pfadfinderstamm des Nebenklägers, noch mit dem Angeklagten in persönlicher Verbindung stehen.

[Edits: Die Äußerung des erregten Herrn war aufgrund von Hörensagen missverständlich formuliert. Der Angeklagte war nicht im Vorstand des Autonomen Wandervogels gewesen, sondern nur Mitglied.]