Der Beerdigungsmessdiener

Norbert Blüm war Gründer des Rüsselsheimer DPSG-Pfadfinderstammes „Cherusker“ und 1956 dessen erster Feldmeister. Vor seiner Zeit als aktiver Pfadfinder war Nobi Messdiener in seiner Pfarrei. Im Erinnerungsbuch „Dann will ich´s mal probieren“ beschreibt er eines seiner Erlebnisse, besser gesagt eines Streiches. Die Vorlage lieferte wohl Wilhelm Buschs Geschichte von Max und Moritz und dem Lehrer Lämpel. Die Rolle der explosiven Lehrerpfeife vertrat ein liturgisches Gerät mit dem Namen Weihrauchfass. Er schreibt (gekürzte Fassung):

„Von Beerdigungen verstehe ich etwas. Schließlich war ich vier Jahre Beerdigungsmessdiener. Das war eine heissbegehrte Position, denn es gab schulfrei und dazu fast immer ein Trinkgeld. Kein Wunder, dass ich meine Stelle gegen nachwachsende Generationen zäh verteidigt und jeden Anspruch auf Stellung und Trinkgeld zurückgeschlagen habe. Ich könnte meine Stelle als Friedhofsmessdiener heute noch haben, hätte ich meine Karriere nicht selbst mit einer übermütigen Dummheit beendet.

Die Rollen im Beerdigungstrio waren fest verteilt. Reinhold trug das Vortrage-Kreuz, Karl war im Besitz des Weihrauchschiffchens (mit den Räucherkörnchen), ich amtierender Weihrauchschwenker am Rauchfass. An jenem Tag kam ich auf den Einfall, die Explosivkraft des Schiesspulvers, das wir verstreuten Patronen entnommen hatten, in einer neuen Mischung zu probieren, nämlich mit Weihrauch vermengt.

Karl wusste nichts von der Sprengkraft dessen, was sich an diesem Tag in seinen Händen befand. Ich hatte durch frühzeitiges Eintreffen für die Präparation des Weihrauchs gesorgt. Kurz bevor der Priester die zu Herzen gehenden Worte sprach: „ Mit himmlichem Wohlgeruch erfülle deine Seele“ und dabei den Rauch aus dem silbernen Rauchfass schwenkend über dem Sarg entweichen liess, wurde der Weihrauch auf die glühende Kohle im geöffneten Rauchfass gestreut. Wie geahnt, erhofft und befürchtet gab es beim Zusammentreffen von Weihrauchpulver mit glühender Kohle eine ansehnliche Stichflamme. Das weisse Rosett des Pfarrers sah danach leicht verändert aus, die Stola etwas angesengt. Reinhold am Kopf des Grabes, das Kreuz haltend, lachte pietätlos laut auf, so dass er fast ins Grab gestolpert wäre. Karl, der Inhaber des Weihrauchschiffchens, stand betroffen und hilflos in der Gegend herum.

Die am Grabe versammelten trauernden Hinterbliebenen reagierten unterschiedlich; teils entsetzt stumm und sprachlos, teils unziemlich hysterisch. Sicher waren auch einige deshalb verlegen, weil sie annahmen, Opa im Sarg habe sie doch bei ihren Erbschleichereien erwischt und auf diese originelle Art seinen Unmut zum Ausdruck gebracht.

Wie dem auch sei, nur einer behielt Haltung, das war ich. Doch leider hat mich dieser stoische Heroismus nicht vor der Entlassung gerettet. Nur wenige Meter vom Grab entfernt und nur einige Minuten nach der Beerdigung, die ansonsten glatt verlief, beschuldigte mich handgreiflich der Pfarrer des in der Liturgie nicht vorgesehenen Spektakels. Wie mir erst später klar wurde, hatte ein kleiner Fehler im ansonsten perfekt geplanten Handlungsablauf mich verraten. Ich hatte beim Füllen des Weihrauchfasses dieses entgegen sonstiger Gewohnheit weit, zu weit von mir weg gehalten. Und damit ängstlich meine Erwartung des Knalleffekts verraten. Was uns lehrt: Unterdrücke in brenzligen Situationen auch die kleinen Ängstlichkeiten. Jedenfalls war meine Kindheitsprofession als Beerdigungs-messdiener abrupt beendet.“

Danke an Winnes, Gilde Burgund, für die Zusendung!