Corona und kein Ende

Gestern schrieb mein Redaktionskollege, mit dem Signal schon seit einigen Tagen heiß läuft, er frage sich, wann er aus diesem skurillen Traum wieder aufwache. Mir geht es ganz ähnlich. Und seit gestern Abend das Telefon klingelte, steht neben Chips und Gesellschaftsspielen für die daheimsitzenden Kindern plötzlich auch Corona persönlich mit am Tisch. Dabei ist die Sache noch harmlos: Die Freundin einer Arbeitskollegin meines Mannes zeigt Symptome, Testergebnis liegt aber noch nicht vor.

Man weiß ja, dass Pfadfinder – und Wandervögel erst recht – sich nicht schnell kirre machen lassen. Und Obrigkeitshörigkeit ist auch normalerweise nicht so ihr Ding. Es ergibt auch keinen Sinn, hier nochmal alle Verhaltenshinweise aufzulisten, die schon woanders stehen. Fakt ist: Je mehr die Sozialkontakte runtergefahren werden, desto weniger schnell breitet sich das Virus aus. Die Ausbreitung als solches lässt sich nicht mehr stoppen – jedenfalls hierzulande nicht – oder ließ sich unter den Rahmenbedingungen einer globalisierten Welt von vorneherein nicht.

Es geht tatsächlich „nur noch“ darum, dafür zu sorgen, dass die Anzahl derjenigen, die intensivmedizinische Behandlung benötigen werden, die Anzahl der verfügbaren Beatmungsgeräte zu keinem Zeitpunkt übersteigen sollte. Damit verzögert man zwar auch den Endpunkt der  „Durchseuchung“ (wenn erstmal 60-70% der Bevölkerung den Virus überstanden haben, breitet er sich nicht mehr mit dieser Geschwindigkeit aus), aber rettet Leben. Und nicht nur das Leben der kritischen Covid-19-Fälle, sondern auch aller anderen Patienten, die in den nächsten Monaten intensivmedizinischer Behandlung bedürfen.

Um auf die Ausgangsfrage meines Kollegen zurückzukommen: Ob die jetzt ergriffenen Maßnahmen der Schul- und Kita-Schließungen zu einer Reduzierung der Neuinfektionen geführt haben, sehen wir frühestens in 5, spätestens in 14 Tagen. Ob sie zu einer ausreichenden Reduzierung geführt haben, sehen wir auch erst dann. Und wenn sie erfolgreich zu einer Reduzierung geführt haben sollten – wird man dann am Ende der Osterferien die Gemeinschaftseinrichtungen wieder öffnen? Wird Schwarzbunt stattfinden?

Mit zeitlichen Prognosen sind die Medien hierzulande sehr zurückhaltend. Nur der Schweizer Tagesspiegel warf eine Zahl in den Raum: Ein bis zwei Jahre wird uns Corona im Griff halten. Wie er auf diese These kam, verbirgt sich hinter einer Bezahlschranke. Bei den derzeitigen Zuwachsraten (welche hoffentlich gebremst werden) wäre die deutsche Bevölkerung innerhalb von einem, spätestens zwei Jahren durchseucht und ausreichend immun – es sieht aber auch danach aus, als wäre eine Impfung ggf. schon früher verfügbar.

In den nächsten Tagen, Wochen, Monaten werden die Infiziertenraten täglich mächtig zulegen. Zeitlich um etwa 14 Tage verzögert ziehen dann auch die Zahlen der als geheilt Entlassenen nach. Leider auch derjenigen, denen nicht geholfen werden konnte. In manchen Kliniken werden bereits infizierte Ärzte, die keine Symptome zeigen, wieder zum Dienst herangezogen. Im gleichen Maße, wie die Immunität steigt, wird auch das öffentliche Leben wieder Einzug halten. Ob sich das Virus durch steigende Temperaturen beeindrucken lässt, ist fraglich. Doch der Mensch braucht Hoffnung und noch überwiegt die Ungläubigkeit, dass das jetzt wirklich real ist. Ja, die meisten werden überleben. Aber nicht alle. Sollte ich eine Prognose abgeben, wann wieder Versammlungen mit 1000 Leuten oder mehr stattfinden dürfen, so tippe ich auf: In einem Jahr, wenn es bis dahin einen Impfstoff gibt. Und sollte ich eine Prognose abgeben, wann es zu Ausgangssperren kommt, so würde ich sagen: In spätestens einer Woche, wenn die Neuinfektionsraten sich durch die Schul- und Kitaschließungen nicht ausreichend beeindrucken ließen. Jedenfalls noch vor den Osterferien, damit nicht alle Maßnahmen durch rege Reisetätigkeit ad absurdum geführt werden. Gegenwetten nehme ich gern entgegen, denn sie geben mir Hoffnung.