Bericht und Kommentar zum zweiten Verhandlungstag

Bei dem heutigen Termin am Amtsgericht Diez gegen den früheren Präsidenten des Balduinsteiner Wandervogels und langjährigen früheren Vereinsvorsitzenden des Freien Bildungswerkes Balduinstein wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs eines Kindes wurden acht Zeugen angehört. Es begann mit der Aussage des bereits verurteilten Mitbegründers des Autonomen Wandervogel. Dieser stützte die zeitliche Einordnung des ersten Besuches der saarländischen Pfadfindergruppe auf Burg Balduinstein, wie sie vom Angeklagten beim ersten Gerichtstermin getroffen worden war. Sein eigener erster Besuch (der des Zeugen) lag allerdings schon lange davor. Schon mit seiner früheren Pfadfindergruppe aus Homburg war er in den neunziger Jahren im Rahmen von Treffen des Untermerzbacher Kreises auf die Balduinstein gefahren. Er gab an, die Person, welche den Angeklagten beschuldigt (Nebenkläger), überhaupt erst nach dessen 14. Geburtstag bei den Pfadfindern kennengelernt zu haben. Dessen erster Besuch auf der Balduinstein und das Kennenlernen des Angeklagten müsste dann zeitlich danach erfolgt sein. Der Angeklagte sei zwar gemäß Gründungsurkunde der Balduinsteiner Wandervögel (die sich wenig später in Autonomer Wandervogel umbennen mussten) deren Präsident gewesen, allerdings allenfalls zwei Tage, dann sei er vom Freien Bildungswerk Balduinstein (in welchem er aber selbst der Vorsitzende war) dazu gedrängt worden, keine Führungsverantwortung in diesem Wandervogelbund zu bekleiden. Obgleich dieser Zeuge angab, mit bei der inzwischen recht bekannten Griechenlandfahrt dabeigewesen zu sein, erklärte er, hinsichtlich des Beklagten nichts Auffälliges mitbekommen zu haben. Anders verhielt sich dies hingegen hinsichtlich einer anderen Person, der das Haus in Griechenland bzw. ein Teil davon gehöre. Dieser habe auch die Idee gehabt, die Jungen als griechische Statuen zu verkleiden.

Beim zweiten Zeugen handelte es sich um eine ebenfalls bereits verurteilte Person, einen ehemaligen Vereinsvorstand des Bildungswerkes Balduinstein. Auch dieser stützte die zeitliche Einordnung des Kennenlernens mit dem Nebenkläger, wie sie vom Angeklagten getroffen worden war. Der Nebenkläger sei aber ein sehr unauffälliger Typ. Auf die Frage des Richters, ob er von solchen Vorgängen (d.h. Übergriffigkeiten) des Angeklagten gewusst hätte, antwortete er verneinend. Auch stritt er ab, dass es das Gespräch gegeben habe, bei dem er und andere sich über die Problematik der sexuellen Neigungen zu Jüngeren und das Schutzalter von 14 Jahren und Verstöße dagegen ausgetauscht hätten und in dessen Rahmen der Angeklagte genannt worden sei.

Als dritte Zeugin sagte die frühere Leiterin der Mädchengruppe des Autonomen Wandervogel aus. Diese erklärte, sich mit dem Angeklagten mehrfach über problematische sexuelle Neigungen ihres damaligen Ehemannes unterhalten zu haben. Dieser habe ihre Befürchtungen ernst genommen, zugleich aber beschwichtigt, das dies nicht schlimm sei, sondern ganz normal. Zu den Vorfällen vor ihrem eigenen Hinzukommen zur Gruppe konnte sie nichts beitragen. Unruhe entstand auf der Angeklagtenbank, als diese Zeugin angab, dass der Angeklagte ihr berichtet hätte, selbst auch schon einmal fälschlich beschuldigt worden zu sein und vor Gericht gestanden zu haben. Für sie habe es sich seinerzeit so angehört, als sei das aber schon viele Jahre her gewesen.

„Es muss die Wahrheit auf den Tisch kommen“

Als vierter Zeuge sagte eine Person aus, die erst spät zum Autonomen Wandervogel hinzugekommen war. Er beschrieb den Angeklagten als väterlichen Freund, der allerdings auch sehr manipulativ handeln könne. Vom Verteidiger des Angeklagten wurde dieser Zeuge angegangen, ob er unter einem Sheriff-Syndrom leide. Dazu erklärte der Zeuge, wenn ihm Hinweise auf Straftaten zugingen, würde er ihnen eben nachgehen, um die Wahrheit zu erfahren. Es müsse die Wahrheit auf den Tisch kommen.

„Lieblingspimpf schreibt sich p-i-m-..“

Fünfter Zeuge war ein leidenschaftlicher Fan des 1. FC Saarbrücken, der sich noch bemerkenswert gut an den Abstieg in die Regionalliga erinnern konnte. Und daran angelehnt auch an seinem ersten Besuch auf Burg Balduinstein, zusammen mit dem Nebenkläger und im Rahmen des ersten Besuches der saarländischen Pfadfindergruppe, der sie alle angehörten. Dass es Silvester war, da waren sich ja auch die übrigen Zeugen einig. Dieser Zeuge verortete allerdings den Zeitpunkt entschieden früher. Auf die kritische Rückfrage des Verteidigers hinsichtlich seiner Überzeugung hinsichtlich des genauen Jahres verwies er auf seine Fußballbegeisterung. Selbst den Tabellenplatz konnte er noch benennen. Den Zweifel des Verteidigers wischte er mit einem „dann haben Sie eben keine Leidenschaft für irgendetwas“ beiseite. Im Gegensatz zum zweiten Zeugen benannte er den Nebenkläger als Teil des harten Kerns, der sehr regelmäßig auf die Burg Balduinstein gefahren sei. Auch außerhalb des eigentlichen Gruppenrahmens. Über ein bis zwei Jahre sei man fast jedes Wochenende dort gewesen. Allerdings habe er selbst keine Übergriffigkeit durch den Angeklagten beobachtet. Der Nebenkläger habe ihm, seinem Freund, damals nur Andeutungen gemacht, dass er nicht glücklich sei, so viel mit dem Angeklagten zu machen. Dieses Gespräch sei vor der Schwedenfahrt gewesen. Die Jungen der Gruppe hätten sich aus Scheidungskindern und solche mit zerbrochenem Hintergrund rekrutiert und die Sozialpädagogen hätten das ausgenutzt. Wie viele weitere Zeugen des Tages bestätigte er die Schilderungen, es habe Lieblingspimpfe gegeben, die jeweils von einem Älteren hofiert worden seien.

„Die Jungs waren das Wichtigste, Frauen waren nicht gefragt auf der Burg“

Die sechste Zeugin erinnerte sich als damalige Stammesführerin der saarländischen Pfadfindergruppe ebenfalls noch sehr gut an das genaue Jahr der Silvesterfeier auf der Balduinstein. Es war ihr erster Besuch dort und auch der erste Besuch des Stammes. Anschließend seien Gruppen aber ständig dorthin gefahren, hätten nur noch auf die Burg gewollt. Sie äußerte sich sehr kritisch zum Alkoholkonsum. Die Burgherren hätten den Wein auf den Tisch gestellt. Bedenken, diesen auch übermäßig den Jugendlichen zukommen zu lassen, hätte es nicht gegeben. Sie hätte mit ihrer Kritik daran allein auf weiter Flur gestanden und sich schließlich auch aus der Gruppe zurückgezogen.

„Du bist für mich die allergrößte …D****“

Der siebte Zeuge hatte mit dem Autonomen Wandervogel genaugenommen überhaupt nichts zu tun, sondern war über andere Kontakte zur Balduinstein und in den Trägerverein gekommen. Dort habe er aber schnell die Rolle des Nörglers gehabt, weil ihm doch einiges komisch vorgenommen sei. Als ihm offenbar wurde, welche Reichweite die Ereignisse hatten, wollte er damit an die Öffentlichkeit gehen bzw. tat dies auch in Form einer Internetseite. Was ihm allerdings eine Unterlassungsklage einbrachte. Auch meldete er alle Vorkommnisse, die ihm bekannt wurden, der Polizei. Er erwähnte auch, einmal hätte ein Junge Interesse an der Mitwirkung in seiner Gruppe gehabt, aber als dessen Mutter den Namen des jetzt Angeklagten gehört hätte, sei sie sehr erschrocken gewesen und hätte ihrem Sohn die Mitwirkung untersagt. Details hierzu werden möglicherweise noch bei dem Folgetermin eine Rolle spielen. Zur Begeisterung einzelner Zuhörer ließ dieser Zeuge es sich nicht nehmen, sich nach seiner Aussage dem Angeklagten zuzuwenden und ihm zu erklären, dass dieser für ihn die allergrößte D**** sei, was von Teilen der hintersten Sitzbank mit Applaus quittiert wurde. Staatsanwalt, Verteidiger und Richter merkten an, die Beleidigung ins Protokoll aufzunehmen (was den Zeugen wohl noch etwas kosten wird).

Der achte und letzte Zeuge schilderte, er sei erst später auf die Burg gekommen und Mitglied der Grauen Jungenschaft geworden, zudem Mitglied im Trägerverein. Als die erste Anzeige aufgekommen sei, habe sie die Person, gegen welche seinerzeit ermittelt wurde, vollständig über sein Verfahren informiert. Es handelte sich dabei um den ersten Zeugen des Tages, Mitbegründer des Autonomen Wandervogel. Aus diesen Unterlagen habe sich ergeben, dass auch gegen den jetzt Angeklagten ermittelt werde. Dieser hätte die Vorwürfe bestritten, sich aber ansonsten nicht dazu äußern wollen.

Ende des zweiten Verhandlungstages war um 16.30 Uhr. Das Verfahren wird am Amtsgericht Diez kommende Woche Donnerstag, 21.02.2019 ab 10 Uhr fortgesetzt. Es könnte dazu kommen, dass es noch einen vierten Verhandlungstermin geben wird.

Kommentar: Aus Betroffenensicht, beziehungsweise der Sicht derjenigen, welche sich mit diesen solidarisieren, war der erste Verhandlungstag am 31.01.2019 durch die Zeugenaussagen der Betroffenen und die Unklarheit der Terminierung der mutmaßlichen bzw. bereits in anderen Verfahren erwiesenen Übergriffe insgesamt eher bedrückend gewesen. Anders verhielt es sich diesmal. Es war wenig überraschend, dass die ersten beiden Zeugen des Tages sich der zeitlichen Einschätzung des Angeklagten anschlossen. Befreiend waren jedoch die gegenteiligen Aussagen der folgenden Zeugen. Wie ein Puzzle setzten sich Schilderungen zu Vorwürfen und klare Terminierung nach und nach zusammen und ergaben ein insgesamt stimmiges Bild. Die wiederholten Versuche des Anwaltes des Nebenklägers, auch auf Rahmen- und Gründungsbedingungen im Trägerverein des Bildungswerkes, die Vorgeschichte des Angeklagten oder seine Position als Präsident des Autonomen Wandervogel einzugehen, wurden von Staatsanwaltschaft, Richter und Verteidiger weitgehend als irrelevant für dieses Verfahren abgelehnt. Der Verteidiger des Angeklagten unterstellte dem Anwalt des Nebenklägers zumindest indirekt, sich auf einem Kreuzzug zu befinden. Zweimal wurden Zuhörer vom Richter ermahnt, die Verhandlung nicht durch Kommentare und Getuschel zu stören. Wieder (wie schon am ersten Verhandlungstag) kamen Angeklagter und Verteidiger zu spät aus der Mittagspause zurück.

Edit: Der Angeklagte war nicht Präsident des Autonomen Wandervogels, sondern seines Vorläufers, dem Balduinsteiner Wandervogel, der sich bereits kurz nach Gründung umbenannte.