System Balduinstein

Ich brauche keine Zusendungen ohne Absender oder unter Pseudonym in meinem Briefkasten, um mich als erfolgreiche Journalistin zu fühlen. Trotzdem hat es natürlich etwas von einem Krimi an sich, wenn das geschieht. So wie gestern. 22 gedruckte Seiten umfasst die insgesamt solide recherchierte Zusammenfassung unter der oben genannten Überschrift, verfasst von Hendrick Busman aus Kevelaer. Google sagt, der sei 1649 gestorben. Mein journalistischer Instinkt sagt, dass dieser eher modern angehauchte und eher weniger selbst aktiv singende Pfadfinder, der möglicherweise vom Niederrhein stammt und dem Bündischen eher etwas skeptisch gegenübersteht, durchaus noch lebt, aber wohl unter einem anderen Namen.

Das, was er (Hendrick) da zusammengestellt hat, schlägt einen weiten Bogen von historischen Personen, dem jugendbewegten Reformpädagogen Gustav Wyneken (wegen sexuellen Missbrauchs von Schülern mit Gefängnisstrafe belegt), Hans Blüher (Wandervogel und „Erfinder“ des „bündischen Eros“ – also der pseudo-verklärten „Liebe“ zwischen Führer und Anvertrautem – heute würde man das Missbrauch von Schutzbefohlenen nennen) und Alfred Schmid (der ebenfalls sexuellen Handlungen mit Minderjährigen gegenüber aufgeschlossen war) über die von ihnen beeinflussten oder gegründeten Gruppen, Verlage und damit verbandelten Personen durch mehrere Jahrzehnte hindurch bis zum heutigen Tage. Der Autor belegt damit aus seiner Sicht „40 Jahre Kontinuität von Liedgesang, Glaubensüberzeugung und pädosexuellem Tatablauf“.

So reicht eine  der (zahlreichen) ausgearbeiteten Kontinuitäten von Alfred Schmid über das von ihm gegründete Graue Corps weiter zur grauen jungenschaft, von dort zu heutigen Tätern und/sowie Gründern des freien Bildungswerkes Balduinstein oder auch dem Falado e.V. Die Quellen, auf die sich Hendrick bezieht, sind alle frei zugänglich. Es ist also nichts enthalten, das jemandem, der sich mit der Thematik befassen will, unbekannt wäre oder bliebe.

Und an gewissen Punkten geht es mir dann persönlich doch noch etwas zu sehr in den „Kontaktschuldbereich“, wenn beispielsweise ein Übergriff in einer Hütte in Österreich (ohne das Ereignis herabspielen zu wollen!) zu einem Beleg für ein Netzwerk wird, das sich bis auf das Schiff, zu dem unterwegs war, erstreckt und zwar deshalb, weil Mitbegründer und ehemalige Vorstände des Schiffes (waren am Übergriff nicht beteiligt!) ihrerseits aus der grauen jungenschaft stammen, für die ja Missbrauchskontinuität durch einen anderen Fall in den 80er Jahren (übrigens auf der Balduinstein von einem anderen Gruppenführer aus Wachtberg verübt) bereits belegt ist. Und doch ja, da taucht auch nach meinem Geschmack ein wenig zu oft der Begriff „graue jungenschaft“ und „Balduinstein“ auf, der Name des Schiffes aber nur am Rande.

Doch ich will nicht vom Kern ablenken:
Wie konnte es – über Jahrzehnte hinweg! – vor unser aller Augen geschehen, dass Missbrauchstäter sich so sicher fühlen, ungestört ihren Taten nachgehen zu können. Welche Strukturen ermöglichen diese Taten, wie lassen sie sich künftig verhindern? Hier ist bereits viel geschehen, sowohl in Hinsicht auf Aufklärung, als auch Prävention. Und ja, auch auf der gebeutelten Balduinstein!

Der Trägerverein der Balduinstein hat Ende 2012 nicht schnell genug und nicht angemessen auf die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs auf der Burg durch Mitglieder des Vereines reagiert. Gut die Hälfte seiner Mitglieder haben ihn verlassen oder sind gegangen worden. Es sind jetzt nur noch zehn. Vom neuen Vorstand sind zwei Frauen (ich sag das nur wegen der Statistik). Der Verein hat aber im vergangenen Jahr fast alles mögliche unternommen (!), um den Sumpf trockenzulegen und ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufzuschlagen. So richtig gefruchtet hat das aber in der „bündischen Öffentlichkeit“ nicht.

Womöglich, weil man beim Betreten der Burg immer noch dem gleichen Burgvogt vor die Nase läuft, wie in den Jahren des Missbrauchs. Und man von dem zwar durchaus mal einen Nachruf auf einen guten Freund zu hören bekommt, nicht aber mal ein klein wenig Klartext zu seiner persönlichen Schuld am Geschehen – oder geschehen – lassen. So kann man fast den Eindruck kriegen, dass da auf der Burg leider immer noch nicht ausgeschlossen ist, dass selbst einschlägig Vorbestrafte da lustig mittun könnten, weil niemand auch nur auf die Idee käme, ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen, denn „[die burg] soll uns balduinsteinern und unseren freunden immer bündische heimstätte und zuflucht sein. wir wollen bündische gruppen ansprechen, die fantasie und lebenskraft besitzen, um sich diese möglichkeiten zu eigen zu machen und für sich und andere fruchtbar zu nutzen. die kultur einer gruppe lebt aus der begegnung, dem gespräch und dem gegenseitigen austausch.
dafür bietet die burg ungestörten raum.“ Das liest sich für mich wie eine gezielte Einladung an die üblichen Verdächtigen. Allerdings:

„Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jene, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da Sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet.“ (Quelle: Filmzitat-Datenbank)

Gut, amüsant zu lesen ist dieser viel zu lange Sermon wohl kaum. Vier Pakete an Forderungen hat Hendrick am Ende seiner Ausarbeitung aufgestellt. Folgende sind nachvollziehbar:

Die graue jungenschaft sollte sich offiziell vom Grauen Corps und Alfred Schmid distanzieren; der mitverantwortliche Burgvogt der Balduinstein sollte in der grauen jungenschaft kein offizielles Amt mehr bekleiden dürfen; der Burgvogt der Balduinstein sollte sich zudem vernehmlich und unzweideutig von den hauseigenen Missbrauchsfällen distanzieren oder seinen Hut nehmen;

Weniger nachvollziehbar sind folgende Forderungen:

Volljährige Mitglieder der grauen jungenschaft sollten bis zu ihrer Distanzierung (s.o.) die Burg Balduinstein nicht mehr betreten dürfen; bis zur vollständigen Aufdeckung und Aufarbeitung sollten Minderjährige die Burg Balduinstein nicht mehr betreten dürfen; und dem bisherigen Burgvogt sei ein Betretungsverbot aufzuerlegen.

Na, dann bleibt ja keiner mehr übrig?

„Ja, was sollen wir denn noch tun“ höre ich den gebeutelten Trägerverein der Balduinstein rufen. Und da hätte ich einen Tipp. Was haltet ihr von einem ergebnisoffenen Dialog der Bünde. Öffnet eure Tore. Ruft die Kritiker zu euch.

Unterdessen gehen die Verhandlungen vor Gericht weiter..

Ach, und noch eine eher persönliche Nachricht an Hendrick: „rückwärtsgewandt-rigide-reaktionär-katholisch“???! Tsss…

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