Audienz beim König

Im Jahr 1996 trampte Tony Hawks mit einem Kühlschranks rund um Irland. Eine in unseren Augen absolut hervorragende Idee und nichts konnte uns davon abhalten, seinen Spuren zu folgen. Auf den Kühlschrank verzichteten wir, weil wir keinen Ort brauchten, um unsere Schuhe trocken zu lagern. Uns reichten Kühlschrankmagneten. Einen Höhepunkt der Reise bildete der Besuch beim König von Tory Island. Die Insel liegt 14 km nordwestlich vor der Küste von Donegal im Atlantik und ist somit der nordwestlichste bewohnte Punkt Europas. Die Insel ist flach, baumlos und knapp einen Kilometer breit und fünf Kilometer lang. Die 170 Bewohner entgingen ihrer Zwangsumsiedlung auf das Festland in den siebziger Jahren, indem sie sich selbst organisierten. Oberhaupt der Kollektive ist ein König, dessen Amt teils vererbt, teils durch Wahl bestimmt wird. Derzeitiger Amtsinhaber ist Patsy Dan Rodgers, und den wollten wir sehen. Die ersten beiden Gruppen warteten schon eine ganze Weile im windgepeitschten Magheroarty, zusammengekauert unter einem Vordach der geschlossenen Imbißstube am Pier. Notdürftig versorgte sie sich mit halbwarmen Tee, bis endlich ein geschlossener Kastenwagen vorfuhr, im allerletzten Moment stoppte, die Seitentür öffnete und zunächst ein großer Hund heraussprang. Dahinter erst unsere letzten Pfadfinderinnen, von oben bis unten voller Hundehaare, aber in sehr ausgelassener Stimmung. Trotz der unverhofft hohen Kosten für die Fähre war der Entschluß, den König von Tory mit eigenen Augen zu sehen, unverrückbar. Bald schlug uns Gischt ins Gesicht und bei steifer Brise und deutlichem Wellengang  führte uns die kleine Fähre unserem Tagesziel entgegen. Die mit uns an Bord befindlichen Toryaner waren offensichtlich zwecks Alkoholeinkaufs zum Festland übergesetzt. Sie begannen dann auch unverzüglich mit dem Konsum und waren bald sehr angeheitert. Am Pier von Tory Island drängten sich uns die Worte von Tony Hawks mit Urgewalt in den Sinn: „Die Grenze zwischen friedlich, abgelegen...