„Manuskript – Nur zum internen Gebrauch“ – das Verfassen von Liederbüchern

Zunächst einmal eine Richtigstellung zu unserem Artikel in der vergangenen Ausgabe über die rechtlichen Probleme beim öffentlichen Singen von Liedern. Helm (Helm König) wies uns darauf hin, dass wir die Abdruckgebühren für Lieder mit den GEMA-Gebühren für das öffentliche Vortragen von Liedern durcheinander geworfen haben. Deshalb zur Klarstellung:

Die GEMA hat mit Abdrucken grundsätzlich nichts zu tun, es sei denn, sie tritt als Inkassounternehmen bzw. Administratorin der VG Musikedition auf. Unsere Aussagen zum öffentlichen Singen von Liedern sind jedoch zutreffend. Wir möchten sie jedoch um den Hinweis ergänzen, dass es Liedschöpfer gibt, die ihre Werke nicht bei der GEMA haben registrieren lassen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Lieder automatisch kostenfrei zur Verfügung stehen, sondern nur, dass in diesem Fall mit den Autoren selbst entsprechende Vereinbarungen zu treffen sind. Nimmt man also beispielsweise eine CD auf mit Liedern von mayer (Jürgen Sesselmann) und ist dieser nicht bei der GEMA Mitglied, so ist mit ihm persönlich vorab eine Absprache über die Entlohnung (falls er denn eine haben möchte) zu treffen. Leider weist einen die GEMA nicht immer von sich aus darauf hin, wenn dieses der Fall ist. Selbstverständlich müssen außerdem bei der Produktion von CDs nicht nur Texturheber und Komponisten, sondern auch die beteiligten Künstler ihre Zustimmung geben. Eine Einschränkung besteht bei Texturhebern und Komponisten, wenn diese Mitglied der GEMA oder einer anderen Verwertungsgesellschaft sind. In diesem Fall muss nur die Verwertungsgesellschaft  gefragt werden („Zwangslizenz“).

Was der grundsätzliche Gedanke dahinter ist, sollte klar sein: Ein Künstler vollbringt eine geistige Leistung. Die Verwertungsgesellschaften, wie eben die GEMA, sorgen schlicht dafür, dass der Künstler die ihm zustehende Entlohnung erhält. Und aus Achtung vor seiner geistigen und künstlerischen Leistung sollte jedem Pfadfinder klar sein, das man das Ergebnis dieser Leistung genau so wenig klauen darf wie ein Brötchen beim Bäcker oder eine Birne vom fremden Birnbaum.

So wenden wir uns denn diesmal dem Verfassen von Liederbüchern zu. Wer einen Liedtext oder eine Melodie (oder einen Satz oder eine Bearbeitung) schreibt, hat das Urheberrecht an diesem. Wer einen Liedtext oder eine Melodie (eines anderen Urhebers) verwendet, hat das Urheberrecht zu beachten. Ausnahme: Unproblematisch ist es, wenn ihr für euch selbst ein handgeschriebenes Liederbuch verfasst. Und sinnvoll durch das haptische Lernerlebnis ebenso. Sobald jedoch Liedtexte nicht nur für den privaten Gebrauch kopiert, vervielfältigt oder sogar öffentlich zugänglich gemacht werden (Internet), kommen wir in einen Bereich, in dem der Urheber des Liedes, also die Verfasser des Textes und der Melodie, ein Recht, also ggf.  einen  Anspruch auf Vergütung haben. Das Fotokopieren und das Scannen von Noten ist sogar grundsätzlich untersagt. “Die Vervielfältigung […] graphischer Aufzeichnungen von Werken der Musik […] ist, soweit sie nicht durch Abschreiben vorgenommen wird, stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig[…].”

Viele kennen den Hinweis aus käuflich erwerblichen Liederbüchern „Manuskript zur zum internen Gebrauch“. Diese Aussage ist Unsinn. Ebensolcher Unsinn ist es, einfach Liedtexte zu veröffentlichen und dann darunter zu schreiben, dass man um Hinweis bittet, sollte man damit das Urheberrecht verletzt haben. Denn nicht der Rechteinhaber muss aktiv die Nutzung seines Werkes kontrollieren, sondern alle anderen müssen sich die benötigten Nutzungsrechte explizit einräumen lassen, bevor sie zum Beispiel einen Liedtext im Internet zum Abruf bereitstellen dürfen. Ist trotz nachweislicher Bemühungen der Rechteinhaber nicht zu ermitteln gewesen, bringt das aber zumindest mildernde Umstände (§ 100 UrhG).

Erstellt man also ein Liederbuch und möchte dies, egal ob käuflich oder kostenfrei, über den Kreis der eigenen Gruppe hinaus vertreiben, ist bei jedem einzelnen Lied zu prüfen, wer a) die Rechte am Text hat (der Verfasser oder hat er seine Verwertungsrechte z.B. an einen Verlag, an die VG Wort oder VG Musikedition abgetreten) und b) wer die Rechte an der Melodie hat (der Verfasser selbst oder hat er seine Rechte ebenfalls an einen Verlag oder eine Verwertungsgesellschaft abgetreten). Mit jedem einzelen Rechteinhaber sind dann entsprechende Lizenzvereinbarungen zu treffen (Einschränkungen siehe z.B. § 46 UrhG). Plant man zum Liederbuch die dazugehörige Ausgabe einer CD, können sich andere Vertragspartner ergeben, wenn die unterschiedlichen Arten der Nutzungsrechte (Abdruck, Vorführung etc.) bei verschiedenen Personen oder Institutionen liegen. Die Verantwortwortung dafür, alles richtig recherchiert zu haben, liegt bei einem selbst. Glaubt man also blind dem Hinweis aus dem Liederbock, die Melodie des Weberliedes stamme von Helm König, verwendet dann aber stattdessen in Unkenntnis der Details die alternative Melodie von Liederjan, kann man sich in die Nesseln setzen.

Merke: Es kann grundsätzlich nichts schaden, wenn man sich mal mit dem Text des Urheberrechtsgesetzes auseinander setzt, wie jeder ja auch über das BGB und StGB etwas Bescheid wissen sollte.

Auch nach dem Tod des Urhebers werden Liedtext und Melodien nicht unmittelbar gemeinfrei. Die Rechte vererben sich; der Schutz erlischt in Deutschland erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Auch hier sind Text und Melodie getrennt zu betrachten; bisweilen kommt noch ein Übersetzer hinzu. Für das Gesamtwerk gilt dann der Zeitpunkt des zuletzt Verstorbenen, dies gilt auch bei gemeinsamen Werken mehrerer Liedtexte oder Komponisten. Zu beachten ist dabei allerdings, dass der Songtext auch noch nach ausländischen Urheberrechten geschützt sein kann, für die abweichende, das heißt unter Umständen auch längere, Schutzfristen gelten können.

Selbst erstellte Liederbücher/-zettel dürfen also nur an einen begrenzten, internen und bekannten Empfängerkreis abgegeben werden, diesen Kreis auch nicht verlassen und nur Noten enthalten, wenn diese nachweislich selbst erstellt wurden.

Was passiert, wenn man sich nicht daran hält? Man macht sich strafbar und riskiert Schadenersatz, Abmahnung, einstweilige Verfügung und evtl. auch ein Hauptsacheverfahren in Höhe von mehreren tausend Euro (mildernde Umstände bringen fehlende Vorsätzlichkeit und fehlende Fahrlässigkeit; eine angemessene Entlohnung ist dann aber nachzuholen, siehe § 100 UrhG).

Es ist nicht unmöglich, den beschriebenen Rechercheaufwand zu vollbringen (hilfreich dabei ist z.B. der Codex Patomomomensis) und es ist in vielerlei Hinsicht lohnend. Man kommt in direkten Kontakt mit den Liedschöpfern, erfährt, dass der Voggenreiterverlag Freundschaftspreise für die Verwendung verlangt(auf solchen sollte man bestehen, das ist freies Handelsrecht, und manche Verleger verhalten sich gern wie Raubritter) und entwickelt Hochachtung vor all jenen, die geistiges Eigentum schaffen und entbietet ihnen die Wertschätzung, die sie verdienen.

Erstellt von Almi mit maßgeblicher fachlicher Unterstützung von Pato (Tim Oliver Becker) und Helm (Helm König).

Quelle: scouting 01-12
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