Leserbrief zum Missbrauchsfall Wannweil: Keine „echten“ Pfadfinder

Im Gerichtsverfahren gegen den 24-jährigen ehemaligen Leiter einer Gruppe der Royal Rangers in Reutlingen-Wannweil kommen immer mehr Details ans Licht, bei denen es einen nur schütteln kann. Jetzt kam der psychiatrische Gutachter zu Wort. Der attestiert dem Täter eine grundsätzlich prosoziale Grundhaltung. In der Szene sorgte derweil ein Leserbrief für großen Unmut. Anerkannt und somit echte Pfadfinder seien sowieso nur die DPSG, der VCP und der BdP.Der Gutachter stellte über den Angeklagten fest, dass dieser die Leitung der Pfadfindergruppe nicht gezielt angestrebt habe, er sei halt Pfadfinder gewesen und dann „habe sich das so ergeben“. Obwohl die Übergriffe über zwei Jahre hinweg erfolgten, hatten sich die 12- bis 14jährigen Jungen seiner Gruppe nicht ihren Eltern anvertraut. Vielmehr war ein Vater selbst über einen verdächtigen Chat des Gruppenleiters mit seinem Sohn aufmerksam auf das Treiben geworden. Im Rahmen der Gruppenstunden und sonstigen Aktivitäten war es regelmäßig zu gegenseitigen sexuellen Handlungen gekommen. Nach Ansicht des Gutachters handelte es sich dabei allerdings, ohne den Anteil des Angeklagten herabspielen zu wollen, um ein „gruppendynamisches Geschehen“, bei dem, wie die Staatsanwältin es nannte, auch die eigene „pubertätsbedingte Neugier“ der beteiligten Heranwachsenden eine Rolle gespielt habe.

Der Gruppenleiter hatte sich gegenüber seinen Anvertrauten mit erfunden Geschichten von seinen angeblichen Kontakten zur Rockerszene in Heldenmanier dargestellt. Im wirklichen Leben hingegen haderte er mit seiner eigenen Orientierungslosigkeit, der rigriden Lebenswelt seines religiösen Umfeldes und seiner offensichtlichen sexuellen Neigung zu Halbwüchsigen. Noch während die Übergriffe erfolgten, hatte er sich mit unklaren Hilfeersuchen hinsichtlich der sexuellen Aktivitäten an Verantwortliche der Gemeinde gewendet, an der er als Gruppenleiter der Pfadfindergruppe tätig war. Diese hatten seine Klagen über das zu offensichtlich sexuelle Interesse seiner Gruppenmitglieder jedoch nicht weiter verfolgt. Dabei soll es gemäß Medienberichten bereits in einer Gruppe an einer anderen Gemeinde zu Auffälligkeiten gekommen sein, die er von 2007 bis 2009 betreute.

Der Gutachter hob zudem das „Machtgefälle“ innerhalb der Gruppe hervor, welches es dem Leiter erleichterte, Zugang zu den Heranwachsenden zu bekommen – eher als zu Gleichaltrigen. Die umliegenden Pfadfinderstämme (und nicht nur diese) reagierten mit Entsetzen auf die Vorfälle in Wannweil, wobei es auch zu „Überschussreaktionen“ kam. So äußerte der Vertreter eines DPSG-Stammes in einem Leserbrief an den Reutlinger General-Anzeiger, dass die „Royal Rangers“ keine echten Pfadfinder seien und führte aus: „Deshalb möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass im wirklichen Sinne »Pfadfinder« nur die Mitglieder des Weltverbandes (WOSM) sind. Dazu zählen in Deutschland der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) und die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG). Es spielt daher auch keine Rolle, ob Jugendverbände sich selbst als Pfadfinder bezeichnen oder nicht, da unterm Strich nur die Mitgliedschaft im Weltverband ein solides pädagogisches Konzept bietet.“

Na Prosit. Und die Pfadfinderinnenschaft Sankt Georg (PSG) hat der Leserbriefschreiber in seiner Auflistung der heiligen und einzig wahren Pfadfinderbünde lustigerweise vergessen. Zudem erinnern wir lieber nicht an den delikaten Vorfall in der „anerkannten“ DPSG vor fünf Jahren, bei der im Rahmen einer offiziellen Fortbildungsveranstaltung auf Burg Rothenfels für Leiter, (bei denen es gemäß der Schilderung der Beteiligten regelmäßig zu Zuständen von Volltrunkenheit kam), eine völlig abgefüllte junge Frau fast von einem ebenso abgefüllten jungen Mann vergewaltigt wurde. Allerdings fehlte in den damaligen Zeitungsberichten konsequent der Hinweis auf die DPSG, allenfalls war von „katholischen Pfadfindern“ die Rede. Aber die Kombination katholisch, koedukativ, viel Alkohol im Spiel und Burg Rothenfels – sorry, das ist eindeutig, aber ein schöner Beleg, wie erfolgreich auf die Presse Einfluss genommen wurde, um in diesem Zusammenhang nicht seinen Verbandsnamen in der Zeitung lesen zu müssen.

Ganz klar: Große Verbände haben vielleicht eine bessere Ausgangslage, wenn es um die theoretische und professionelle Erarbeitung von Präventionskonzepten geht. Denn sie verfügen zumeist über hauptamtliche Mitarbeiter. Ob und in welchem Maße diese Konzepte aber auch umgesetzt werden, entscheidet sich ausschließlich vor Ort. Auch die Royal Rangers sind über den Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden an ein entsprechendes Konzept angebunden. In diesem Fall aber hat es versagt. Für die gute Pfadfinderarbeit vor Ort ist nicht die Zugehörigkeit zum Weltverband auschlaggebend. Zumal nicht der Weltverband über die Aufnahme weiterer Bunde aus Deutschland entscheidet, sondern die vier jetzigen Mitglieder, die aus finanziellen Erwägungen heraus überhaupt kein Grundinteresse an der Aufnahme weiterer Mitglieder haben. Aber diese ganze Diskussion anerkannt – nicht anerkannt ist ein gruseliges Deja-vu der achtziger Jahre. Ich dachte echt, wir wären schon längst ne Runde weiter.

Wer wissen will, ob die Gruppe Musterstamm aus Musterhausen gute Arbeit macht, kommt nicht umhin, sich selbst einen Eindruck zu machen und die Arbeit der Pfadfinder und das Leben seines Kindes aktiv-zuhörend und anteilnehmend zu begleiten. Und selbst wenn in einem Pfadfinderbund, ob groß oder klein, aber je größer, desto wahrscheinlicher, bereits ein Missbrauch erfolgt ist, lässt dies nicht automatisch einen Rückschluss auf die eigene Gruppe vor Ort zu. Selbst wenn der Missbrauch in der Gruppe vor Ort geschehen ist, lautet die wichtigste Frage doch: Und wie geht man jetzt damit um? Wird es aufgearbeitet? Waltet Transparenz oder Vertuschungsgehabe? Wird Verantwortung übernommen? Erfolgen Änderungen in den Rahmenbedingungen, die für die Zukunft dafür Sorge tragen, dass etwas ähnliches, wenn nicht verhindert, so doch deutlich erschwert wird? Auf der Homepage der Volksmission herrscht jedenfalls Schweigen im Walde.

Quelle: Schwäbisches Tagblatt 09.02.2015

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