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„Kein Täter werden“ als Modellvorhaben der Krankenkassen

Präventionsnetzwerk präsentiert Forschungsergebnisse, Beirat und neuen Werbespot.
Seit Anfang 2018 wird die Therapie im Netzwerk „Kein Täter werden“ als Gesundheitsleistung anerkannt. Das Projekt bietet pädophilen Menschen therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren sowohl diese Therapie als auch die im Berliner Präventionsprojekt „Du träumst von ihnen“, das sich speziell an Jugendliche richtet. Anlässlich dessen etablierte das Präventionsnetzwerk einen wissenschaftlichen Beirat, dessen Arbeit heute im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt worden ist. Darüber hinaus gab es Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse, in den neuen Werbespot und in ein neues Online-Programm. Ziel des Präventionsprojektes ist es, Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, therapeutische Unterstützung im Umgang mit ihrer sexuellen Präferenz zu bieten. Damit soll versucht werden, Sexualstraftaten an Kindern sowie die Nutzung von Missbrauchsabbildungen, sogenannter Kinderpornografie, zu verhindern.

Im Rahmen der heutigen Pressekonferenz stellte Prof. Klaus M. Beier, Sprecher des Netzwerks „Kein Täter werden“ und Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Ergebnisse einer aktuellen Berliner Nachuntersuchung vor. Prof. Beier: „Bei nahezu allen der 56 befragten Therapieteilnehmer (98 %) konnte nachhaltig eine Verhaltenskontrolle erreicht und damit maßgeblich sexueller Kindesmissbrauch verhindert werden. Bestätigt wird damit die erste Evaluation des Projektes, die bereits gezeigt hatte, dass das Behandlungsprogramm geeignet ist, bekannte Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch zu verringern, um bei den Betroffenen erfolgreich Verhaltenskontrolle aufzubauen.“
Sowohl Prof. Beier, als auch Prof. Tilmann Krüger, stellvertretender Sprecher des Präventionsnetzwerks und Sexualmediziner an der Medizinischen Hochschule Hannover, zeigten sich erfreut über das im Januar 2018 gestartete Modellvorhaben, mit dem der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) vom Gesetzgeber für die Dauer von fünf Jahren damit beauftragt wurde, ein Modellvorhaben zur anonymen Behandlung pädophiler Menschen zu finanzieren. „Damit wird unser Behandlungsangebot offiziell als Gesundheitsleistung anerkannt. Diese Modellprojekte sind für die primäre Prävention von Kindemissbrauch von erheblicher Bedeutung und werden sowohl national als auch international aufmerksam zur Kenntnis genommen. Aber vor allem für Betroffene ist dies ein wichtiges Signal. Denn unsere Untersuchungen zeigen, dass pädophile Menschen oftmals ernstzunehmende psychische Begleiterkrankungen haben: Die Raten an Depressionen und Angsterkrankungen sind doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung und auch eigene Erfahrungen von Missbrauch und Vernachlässigung finden sich häufiger. Sie leben nicht selten sozial zurückgezogen und werden stigmatisiert, sofern denn Ihre Neigung bekannt wird. All dies schützt nicht vor sexuellen Übergriffen. Im Gegenteil: Psychiatrische Erkrankungen und soziale Isolation sind bekannte Risikofaktoren und müssen behandelt werden“, sagte Prof. Krüger.
Auch für Jerome Braun, Geschäftsführer der Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel, die das Projekt seit seinem Start im Jahre 2005 unterstützt, ist das therapeutische Angebot im Präventionsnetzwerk ein wichtiger Baustein in der Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs: „Wir haben uns sehr gefreut, dass die Bundesregierung Ende 2016 mit dem ‚Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen (PsychVVG)‘ den Weg dafür geebnet hat, dass das anonyme Therapieangebot im Netzwerk „Kein Täter werden“ als Modellprojekt von den Gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. Um den Wissenstransfer in Medien, Politik und Gesellschaft zu erhöhen und dadurch für die Erhöhung von Transparenz und Akzeptanz für diese wichtige Form der Prävention sexualisierter Gewalt zu sorgen, hat die Stiftung angeregt, die Arbeit eines Netzwerkbeirats zu etablieren und dessen Treffen finanziell zu ermöglichen“, erklärte Jerome Braun.
Monika Egli-Alge, Sprecherin des im Januar 2018 offiziell etablierten Netzwerk-Beirats, stellte bei der heutigen Pressekonferenz die Inhalte und Ziele des Beirats vor. „Angebote wie sie das Netzwerk ‚Kein Täter werden‘ für pädophile Menschen bietet, leisten wichtige Hilfe für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Präferenz Hilfe suchen und im Gesundheitssystem nur selten finden. Unter anderem deshalb, weil es nur wenige entsprechend ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten gibt und Studien zufolge auch unter ihnen die Stigmatisierung der Betroffenen fast so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung.“, so Monika Egli-Alge, die als Psychologin und Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz ebenfalls über langjährige Erfahrung in der Behandlung von pädophilen Menschen verfügt.
Außerdem präsentierte das Präventionsnetzwerk seinen aktuellen Werbespot, der in zwei Versionen entwickelt wurde. Dieser soll insbesondere Pädophile zwischen 18 und 35 Jahren erreichen. Mit dem Slogan „Liebe kennt kein Tabu. Diese schon. Sprich über das, was dich anspricht!“, greift der Werbespot das Bedürfnis und die Suche pädophiler Menschen nach Bindung und Akzeptanz auf und ermutigt dazu, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Als internetbasierte Erweiterung des Hilfsangebots wurde schließlich von Prof. Beier das Online-Selbsthilfe-Programm „Troubled Desire“ vorgestellt.

Resonanz Projekt „Kein Täter werden“
Die Inanspruchnahme des therapeutischen Angebots ist weiterhin hoch: 9515 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich bis Ende März 2018 Hilfe suchend an das 2011 gegründete Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ gewendet. 2894 Personen stellten sich an einem der Standorte zur Diagnostik und Beratung vor, 1554 von ihnen konnte ein Therapieangebot gemacht werden. Insgesamt haben seitdem 925 Teilnehmer die Therapie begonnen und 360 erfolgreich abgeschlossen. 345 befinden sich aktuell in einzel- und gruppentherapeutischer Behandlung, rund 90 nehmen an einem der Standorte am Angebot der Nachsorge teil.
Kontakt:
Jens Wagner
Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 529 307
jens.wagner@charite.de
Links:
Werbespot „Sprich über das, was dich anspricht!“
www.here2help.de
Online-Selbsthilfe-Programm „Troubled Desire“ www.troubled-desire.com

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