Fahnendiebstahl: Tradition oder Straftat?

Das Thema wird regelmäßig in Pfadfinderkreisen diskutiert (in Wandervogelkreisen wohl weniger, da wird stattdessen bekanntlich gesungen), aber aus aktuellem Anlass* hier die rechtlichen Hintergründe zu einem zumeist nächtlichen Besuch mit Traditionshintergrund, kurzum Fahnen- bzw. Bannerdiebstahl. In vielen Gruppen der Pfadfinder- und Jugendbewegung ist es Tradition, andere Gruppen nach Anbruch der Dunkelheit zu überfallen mit dem Ziel, deren Fahne zu erbeuten, welche dann im Tausch gegen zumeist einen Kasten Bier o.ä. wieder zurückgegeben wird.

Da solche Aktionen immer das Potential haben, auszuarten, haben sich vielerorten ungeschriebene Regeln ergeben, angefangen von „Kinder sind zu verschonen“ bis hin zu „Böller sind zu vermeiden“. Einen allgemein gültigen Ehrenkodex gibt es jedoch nicht, außer eben, die Fahne wieder zurückzugeben. Zudem gilt in gemeinsamen Lagern in aller Regel der Lagerfrieden, hier ist der Diebstahl also gänzlich untersagt. Erfolgt der Diebstahl mit Duldung der vorübergehend bestohlenen Gruppe, sind diese also mit den Gebräuchen vertraut und grundsätzlich einverstanden und wird beim Überfall keine ungebotmäßige „Härte“ eingesetzt, so handelt es sich um ein spannendes, aber letztlich harmloses Spiel.

Wird die Fahne jedoch absichtlich nicht zurückgegeben, handelt es sich um einen Diebstahl, ggf. in Tateinheit mit Hausfriedensbruch. (Auch wenn ein Blog im Netz versucht, darzulegen, es sei kein Diebstahl. Diese Einschätzung ist juristisch höchst fraglich.) Kennt die „überfallene“ Gruppe die Tradition nicht oder heißt sie diese nicht gut, so hat diese das Potential, als Diebstahl aufgefasst zu werden, bei Vorliegen eines „Bekennerschreibens“ mit Tauschforderung (Kasten Bier z.B.) hingegen als Erpressung.

Natürlich handelt es sich bei einer Fahne „nur“ um ein Stück Stoff und bei einem Kasten Bier nur um einen Kasten Bier – dass hier eine eventuell eingeschaltete Polizei mit aller Härte gegen die zumeist jugendlichen „Straftäter“ vorgeht, ist kaum zu vermuten, sofern der Überfall selbst keine Verletzten hinterließ und von vorneherein keine Absicht bestand, die Fahne dauerhaft zu entwenden. Anders verhält es sich mit Serientätern, wie sie beispielsweise aus Antifakreisen stammend, zu Zeiten von EM- und WM-Spielen „Schnapp die Nationalitätenfahne“ als „Spiel“ im großen Stil betrieben (der Hauptpreis des 2016 auf „Indymedia“ gestarteten Wettbewerbes war, wie sollte es auch anders sein, ein Kasten Bier). Hier erfolgten durchaus Fahndungen der Polizei und waren auch erfolgreich. Die Anzeige lautete, wie sollte es auch anders sein, auf Diebstahl.

Was sollte nun also ein allgemeiner Ratschlag sein? Vorher das Einverständnis zum Überfall einholen? Nur Gruppen überfallen, von denen bekannt ist, dass sie kein Kind von Traurigkeit sind? Nur Gruppen überfallen, bei denen man davon ausgeht, dass sie um die Tradition wissen (DPSG wohl weniger?) und in jedem Fall körperliche Eskalation vermeiden? Ja, das ist wohl so. Einen „juristisch saubernen“ Überfall auf andere Gruppen kann es ohne deren vorherige Einverständniserklärung (und genaugenommen auch der Eltern der Kinder, die mitfahren) nicht geben.

*Angeblich wurde im Rahmen des Überbündischen Treffens (ÜT) trotz Lagerfrieden die Fahne eines kleinen Wandervogelbundes entwendet. Wer hierzu mehr weiß, darf sich gerne melden. Ob die Fahne mittlerweile wieder zurückgekehrt ist, ob es ein Bekennerschreiben gab, ob die Täter Teilnehmer des Lagers waren… ist mir nicht bekannt.

Bildnachweis: Bild vom BdP-Bundeslager Estonteco

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